Ein Königreich für einen Stürmer

von Thorsten Cöhring am 27. November 2016

Das 1:1 (1:0) zwischen Borussia Mönchengladbach und 1899 Hoffenheim war ein gutes, sehr ansehnliches Fußballspiel zweier gleichwertiger Mannschaften. Das Remis ist insgesamt gerecht, allerdings hätte Borussia den Sieg aufgrund der klareren Chancen durchaus verdient gehabt. Die Sache hat nur einen Haken: Das alles interessiert keinen Menschen!

Thomas Kastenmaier beschrieb es ebenso drastisch wie treffend. Der Ex-Borusse sagte zehn Minuten vor dem Anpfiff im Stadion-Interview: “Wir sind an einem Punkt angelangt, wo es scheißegal ist, wie die Mannschaft spielt. Hauptsache wir holen die drei Punkte.” Und genau das kann Borussia nicht. Unsere Mannschaft ist derzeit willig und bissig, aber ihr fehlt der Killer-Instinkt. Zum x-ten Male konnten wir eine Führung (Dahoud, 25.) nicht verteidigen und auf der anderen Seite gelingt es uns nicht, ein Siegtor zu erzwingen.

Eine Spielanlage ohne Stürmer ist längst überholt. Das hat spätestens die Europameisterschaft in diesem Jahr deutlich gemacht. Auf internationaler Ebene, das schreibe ich hier schon seit Jahren, gewinnst du ohne Strafraumstürmer (oder Stoßstürmer, wie es auf Neudeutsch heißt) ohnehin keinen Blumentopf. Aber auch auf Bundesliga-Ebene fällt uns diese Tatsache zunehmend zentnerschwer auf die Füße. Wir haben mehr als ein halbes Dutzend offensive Mittelfeldspieler, die sich in unterschiedlichen Variationen als Stürmer versuchen dürfen, aber wir haben keinen Strafraumstürmer. Weil das in unserer Spielanlage seit Favre nicht mehr vorgesehen ist. Und Schubert hat daran nichts geändert.

Natürlich spricht nichts dagegen, dass auch Mitglieder unserer SFKAM-Fraktion (Stürmer formerly known as Mittelfeldspieler) 1000-prozentige Chancen nutzen, wie beispielsweise Stindl (49.) oder Johnson (78.). Aber grundsätzlich kastrieren wir uns selbst, indem wir uns aller anderen Optionen berauben: Keine hohen Flanken in den gegnerischen Strafraum, keine Kopfballtore, absolut ungefährliche Standards. Wir geben auch dem Zufall keine Chance, indem einfach mal auf gut Glück der Ball vor das Tor gespielt wird.

Und warum? Weil wir niemanden vor dem Tor haben, der eine Hereingabe, ob flach oder hoch, einfach mal per Kopf oder Fuß ins gegnerische Tor abfälscht. Oder der einen Abpraller versenkt. Was wir heute ausbaden, sind im Prinzip die Defizite in der Kaderplanung und der Weiterentwicklung der Mannschaft. Dass ich unseren Kader bei weitem nicht für so gut und leistungsfähig halte, wie vermutlich 90% aller anderen Borussia-Fans, habe ich seit dem Sommer ja schon mehrfach zum Ausdruck gebracht.

Meine Sorgen um den Klassenerhalt werden angesichts unseres schweren Rückrundenprogramms von Heimspiel zu Heimspiel größer. Nach der Niederlage in Dortmund (wer zweifelt daran?) kommt Mainz. In Augsburg ist vielleicht ein Punkt drin. Und kurz vor Weihnachten empfangen wir Wolfsburg. Noch sieben Punkte, dann hätten wir die 20-Zähler-Marke erreicht. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt zittern. Diese Prognose ist nicht allzu waghalsig.

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