Der programmierte Absturz

von Thorsten Cöhring am 21. Dezember 2016

Das lebende Sinnbild des rasanten Aufstiegs und des ebenso rasanten Absturzes stand zehn Minuten vor dem Anpfiff auf dem Rasen des Borussia-Parks. Granit Xhaka wurde offiziell verabschiedet, mit Standing Ovations von den Rängen. Sein Weggang, der nicht kompensiert wurde, ist einer wesentlichen Gründe für den neuerlichen Niedergang von Borussia Mönchengladbach.

Das 1:2 gegen Wolfsburg vier Tage vor Weihnachten war eine Niederlage mit Ansage. Jeder, aber auch wirklich JEDER, meiner Tribünenfreunde war vor dem Anpfiff davon überzeugt, dass wir dieses Spiel verlieren würden. Aber es waren nicht nur die Auflösungserscheinungen in der Mannschaft, die für Bestürzung sorgten. Es fühlte sich an, als würde Andre Schubert am Nasenring durch den Borussia-Park geführt: “Seht ihn euch an und macht ihn fertig, den Versager!” Ganz, ganz übel und moralisch in höchstem Maße verwerflich. Spießrutenlauf de luxe. Ich habe mich dafür geschämt. Der Verein hätte Andre Schubert das ersparen müssen. So wurde es nicht nur die schreckliche Vorführung eines Menschen, sondern ganz nebenbei wurden auch noch freiwillig wichtige Punkte abgeschenkt, die uns in der Endabrechnung fehlen werden. Wir bekommen dafür die Quittung, da bin ich sicher. Und warum das ganze Theater? Weil man nicht mit dem Dogma der sogenannten “Kontinuität” brechen wollte.

Ich sage es frei heraus: Lasst mich momentan mit dem Kontinuität-Quatsch in Ruhe! Existenzbedrohende Krisensituationen erfordern professionelles Krisenmanagement. Das kann bei Borussia keiner, wie es scheint. Die Erfolge der letzten Jahre haben offenbar die Sinne vernebelt und zu Wahrnehmungsstörungen geführt. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass nach Schuberts Entlassung, einen Tag später, der Satz “Mit Blick auf die reizvollen Aufgaben in der Rückrunde haben wir uns entschieden, mit einem anderen Trainer einen Neustart zu machen”, auf borussia.de zu lesen war. Reizvolle Aufgaben? Hey, wir machen in der Rückrunde keinen Ausflug ins Phantasialand, wir kämpfen gerade ums sportliche Überleben! Die Selbstüberschätzung – nicht nur im Umfeld, sondern auch bei den Entscheidungsträgern im Verein – hat mittlerweile ein Ausmaß erreicht, das mich erschaudern lässt.

Wenn wir über Kontinuität, im Sinne von Nachhaltigkeit, sprechen wollen, dann muss etwas ganz Anderes auf den Prüfstand: Das Konzept “Talent-Weiterbildungsverein”. Dieses Konzept ist ein Tanz auf ganz, ganz dünnem Eis. Das kann eine Zeit lang gutgehen, wie in den letzten Jahren geschehen, aber wenn das Eis bricht, säufst du von einer Sekunde auf die andere ab. Davor habe ich immer gewarnt. Die Idee kann nur dann funktionieren kann, wenn du um die Talente, auf den zentralen Positionen, genügend erfahrene Spielerpersönlichkeiten scharst. Keine Durchschnittsspieler, wohlgemerkt.

Daraus ergeben sich die Anforderungen in der Winterpause zwangsläufig. Wir brauchen nicht nur einen neuen Trainer, sondern auch mindestens drei neue Spieler. Und zwar solche, die besser sind als die aktuellen.

  • Prio 1: Einen spielgestaltenden strategischen Sechser mit Führungsqualitäten, sprich: einen Xhaka-Nachfolger.
  • Prio 2: Einen Stoßstürmer mit Abschlussqualitäten, der in der Lage ist, auch mal enge Spiele durch eine Einzelaktion zu entscheiden. Und der vor allem als Unruheherd im gegnerischen Strafraum unterwegs ist.
  • Prio 3: Einen erfahrenen Innenverteidiger.

Dass man dafür Geld, viel Geld, in die Hand nehmen muss ist klar, da der Spielermarkt im Winter sehr begrenzt ist.

Die antiquierte Spielanlage von Borussia Mönchengladbach zu modernisieren wird nicht von heute auf morgen funktionieren. Bring mal Spielern hohe Flanken, Kopfbälle oder den Mut zu langen Steilpässen bei, wenn denen das systematisch über Jahre hinweg abgewöhnt worden ist. Unsere Mannschaft soll Ballbesitzfußball spielen – was sie aber nachgewiesenermaßen nicht kann. Also, wo ist unser Weg? Ich beneide den neuen Cheftrainer nicht um seinen Job. Es wird eine Herkules-Aufgabe, zumal wir extrem schwere Heimspiele haben, nämlich unter anderem gegen München, Dortmund, Leipzig, Schalke und Hertha. Jeder kann sich angesichts unserer dramatischen Auswärtsschwäche selbst ausrechnen, was das bedeutet.

Wen meine Prognose interessiert: Ich glaube nicht daran, dass die Mannschaft bis Januar in notwendigem Umfang verstärkt wird, da alle Verantwortlichen den Ernst der Lage weiterhin verkennen. Deshalb bin ich zu 99 Prozent sicher, dass wir 2017 zum dritten Mal aus der Bundesliga absteigen. Das eine restliche Prozent ist das Fünkchen Hoffnung, das nie erlischt…

Ich werde auf fohlenblog.de jetzt für unbestimmte Zeit eine Pause einlegen. Alles, was es aus meiner Sicht zu sagen gibt, habe ich hier in den letzten Wochen und Monaten gesagt. Und ich habe keine Lust mehr, mich ständig zu wiederholen. Als Dauerkarteninhaber werde ich selbstverständlich im Borussia-Park Stammgast bleiben und meine Borussia anfeuern. Das werde ich immer tun, wie alle, die die Raute im Herzen tragen.

Update vom 22.12.2017:
Am 22. Dezember 2017 wurde Dieter Hecking offiziell als neuer Trainer von Borussia Mönchengladbach vorgestellt.

Ich wünsche allen Borussinnen und Borussen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

So long, bis irgendwann.

And never forget:

Das Borussia-Mahnmal

2006/07 2016/17
Tag Punkte Rang Tag Punkte Rang
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2 3 8 2 3 10
3 6 4 3 6 6
4 6 10 4 7 8
5 9 5 5 10 4
6 9 7 6 10 9
7 12 5 7 11 9
8 12 9 8 11 10
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14 13 15 14 16 12
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