Das fatale Ding mit den Erwartungen

von Thorsten Cöhring am 17. April 2017

Es hat sich einiges getan bei Borussia Mönchengladbach seit meinem letzten Blog-Beitrag vor einem Vierteljahr. Die beste Nachricht: Wir haben das primäre Saisonziel, den Klassenerhalt, so gut wie erreicht. Und zwar wesentlich souveräner als von mir befürchtet.

Was hat sich seit Weihnachten verändert?

  1. Wir haben einen anderen Trainer. Dieter Hecking hat seit seiner Amtsübernahme aus 13 Spielen 23 Punkte geholt. Eine höchst erfreuliche Bilanz, die uns den Klassenerhalt gesichert hat. Dafür gebührt ihm Respekt und Anerkennung.
  2. Wir sind im Achtelfinale der Europa League ausgeschieden. Und zwar so, wie es sich für eine “Drama-Queen”, wie man sie schon aus 70er-Jahren kennt, gehört. Ist aber nicht weiter tragisch, denn dieser Wettbewerb hätte im weiteren Verlauf nur unnötig Kräfte verschlissen.
  3. Wir stehen im DFB-Pokal-Halbfinale und haben dort mit dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt in acht Tagen eine derart große Chance, wie sie ein Club wie Borussia Mönchengladbach bestenfalls alle zwei Jahrzehnte mal hat. Es wäre wirklich ein Jammer, wenn wir unsere erste Titelchance seit 22 Jahren verpassen würden.
  4. Max Eberl hat seinen Vertrag bis 2022 verlängert.
  5. Borussia schreibt derart tiefschwarze Zahlen, dass man fast eine Taschenlampe braucht, um sich zurechtzufinden. Rekorde ohne Ende: Fast 197 Millionen Euro Umsatz im Geschäftsjahr 2016; 26,8 Millionen Euro Gewinn nach Steuern; Eigenkapital 88 Millionen Euro, was einer Eigenkapitalquote von 44,2 Prozent (!) entspricht. Nahezu unglaublich!
  6. Wir haben mit Puma, unserer Erfolgsmarke der großen Borussia-Ära, ab 2018 einen neuen Ausrüster. Es ist zu warten, dass die Herzogenauracher gefühlte 6.000 unterschiedliche Retro-Trikots auf den Markt bringen werden, die unseren Trikot-Verkauf (zuletzt rund 110.000 pro Jahr) noch einmal deutlich anheizen könnten.

Tja, was soll ich sagen? Das alles macht mich stolz und glücklich. Vor allem natürlich der sportliche Aufschwung unter Dieter Hecking. Wenn ich mir allerdings die Kommentare in den sozialen Netzwerken und Fanmedien so anschaue, dann scheinen bei einigen die Maßstäbe durcheinander geraten zu sein. Zur Erinnerung: Mehr als ein halbes Jahr lang geisterte das Abstiegsgespenst durch den Borussia-Park. Das werden wir spätestens am letzten Spieltag mit einem Sieg über Absteiger Darmstadt hoffentlich endgültig verscheucht haben.

Eine Qualifikation für die Europa League wäre zwar schön, ist aber gleichzeitig als Erwartung vermessen. Insbesondere unter den speziellen Rahmenbedingungen in dieser Saison. Damit meine ich in erster Linie unsere unfassbare Verletzungsmisere. Schon merkwürdig: Vier Jahre lang (2011 bis 2015) sind wir von größeren Verletzungsproblemen verschont geblieben und seit zwei Jahren haben wir verletzte Schlüsselspieler, so weit das Auge reicht.

Für diese Saison also gilt: Brrrrr, immer langsam mit den jungen Pferden! Mehr als das Minimalziel können wir 2016/17 nicht erwarten.

Ein ganz anderes Thema ist hingegen die mittelfristige Perspektive des VfL 1900. Denn eines hat diese Saison auch deutlich gezeigt: Wir bewegen uns mit dem Konzept “Talent-Weiterbildungsverein” auf dünnem Eis. Mit Dahoud und Christensen werden wir zwei unserer besten Spieler verlieren. Wir brauchen dringend mehr Qualität im Kader. Vor allem in der Offensive, aber auch im zentralen Mittelfeld.

Vielleicht wird ja unter der Ägide Hecking endlich mein Stoßgebet erhört, das ich hier seit zwei Jahren ständig von mir gebe: Wir brauchen einen abschlussstarken Strafraumstürmer. Sonst werden wir niemals auch nur einen Schritt vorankommen. Und wir brauchen wieder einen strategischen Sechser. Der Abgang von Granit Xhaka hat ein Riesenloch in die Teamstruktur gerissen. Mittlerweile sollte jedem klar geworden sein, dass der Spielaufbau, neben der Abschlussschwäche, eines der Kernprobleme dieser Saison war. Wir möchten gerne eine dominante Ballbesitzmannschaft werden? Okay, dann brauchen wir dazu die passenden Spieler. Die haben wir nämlich gegenwärtig nicht.

Kurz gesagt: Borussia verfügt momentan über eine beachtliche Wirtschaftskraft. Und ich würde mir wünschen, dass wir unsere Mittel weniger in Infrastrukturprojekte investieren, sondern in erster Linie in die Substanz der Mannschaft. Nur Talente zu haben, ist auf Dauer hochgradig gefährlich. Das kann zu beeindruckenden Höhenflügen führen, aber auch zum totalen Absturz. Wenn wir an den selbst gesteckten Wachstumsgrenzen festhalten, werden wir eines Tages dafür die Quittung bekommen. Und vielleicht ist dieser Tag gar nicht mehr so weit entfernt..

Aber gut, das ist ein Thema für den Sommer und darüber hinaus.

Schauen wir erstmal auf den fußballerischen Höhepunkt dieses Frühjahrs, das Pokal-Halbfinale. Wir alle wünschen uns am 27. Mai einen Fußball-Festtag in Berlin. Und für mich hat das noch eine ganz eigene Qualität. Ich komme nämlich langsam in ein Alter, in dem sich hin und wieder der Gedanke einschleicht: “Es könnte dein letztes großes Spiel mit Borussia sein.”

Von daher: Macht et, Jungs!

Leise Hoffnung statt großer Erwartung. Das erscheint mir der plausiblere Weg.

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