Grenzen

von Thorsten Cöhring am 23. April 2017

Gestern wurde einmal mehr jedem Zweifler sonnenklar vor Augen geführt, wie groß das Leistungsgefälle in der Bundesliga inzwischen tatsächlich ist. Eine leicht verstärkte B-Mannschaft von Borussia Dortmund gewann im Borussia-Park mit 2:3 (1:1). Hoch verdient und im Endeffekt nahezu mühelos. Auf der anderen Seite lieferte Borussia Mönchengladbach über weite Strecken, in allen Mannschaftsteilen, eine derart desolate Leistung ab, die zu den schlimmsten Befürchtungen im Hinblick auf das Pokal-Halbfinale am Dienstag gegen Frankfurt Anlass gibt.

Wenn unsere Mannschaft am Dienstag so auftreten will wie gestern, dann können wir die Finaltickets auch gleich per Post nach Frankfurt schicken. Das war nichts. Gar nichts. Keine Einstellung zum Spiel, keinerlei Lauf- und Zweikampfbereitschaft. Technische und taktische Defizite bis zum Abwinken. Sogar für unsere Tore musste Dortmund sorgen. Dem 1:1 von Stindl (43.) ging ein krasser Fehlpass von Merino am eigenen Strafraum voraus und das 2:1 (48.) besorgte Schmelzer mit einem Eigentor selbst. Dortmund traf durch Reus per Elfmeter (10.), den gerade eingewechselten Aubameyang (59.) und Guerreiro (87.). Außerdem wurde Dortmund ein klarer Elfmeter verwehrt (16.) und Guerreiro (83.) traf nur den Innenpfosten.

Emotionales Highlight gestern im Borussia-Park: Der Besuch unserer Freunde vom FC Liverpool. You’ll never walk alone!

Wer dieses Spiel gesehen hat, der kann nicht mehr ernsthaft daran glauben, dass die Fohlenelf in der Lage sein wird, einen der ersten sechs Plätze zu belegen und damit in die Europa League einzuziehen. Wir sind in dieser Saison vom Verletzungs-Tsunami überrollt worden und deshalb reicht die Qualität nicht für einen Spitzenplatz. Hinzu kommt, dass wir auf Schlüsselpositionen (Sechser, Neuner) nicht konkurrenzfähig sind. Aber das habe ich jetzt so oft geschrieben, dass es mich mittlerweile selbst langweilt.

Was die Verletzungen angeht: Mehr als 250 verletzungsbedingt verpasste Spiele (rp-online.de vom 2.4.17) legen zumindest den Verdacht nahe, dass im Athletiktraining nicht alles optimal läuft. Denn wie sagte schon der frühere Athletik-Coach Klaus Luisser vor zwei Jahren im RP-Interview: “Borussia hatte die Mannschaft, die in der Bundesliga am meisten gelaufen ist und die wenigsten Verletzten hatte. Das hängt zum Großteil von der Abstimmung mit dem Trainer ab, um die Belastung optimal koordinieren zu können. Es ist eine große Aufgabe, definitiv.” Luisser arbeitet inzwischen für Eintracht Frankfurt.

Aber ich will das Thema Verletzungen auch nicht überstrapazieren. Viel wichtiger ist, dass wir endlich etwas anderes realisieren: Max Eberl betont immer wieder und absolut unmissverständlich, dass es NICHT sein Ziel ist, Borussia auf Augenhöhe mit den Top-Clubs der Bundesliga zu bringen. Dazu müssten wir in neue Gehalts- und Transferregionen vorstoßen. Wir könnten das vielleicht, wir werden es unter Max Eberl aber nicht tun. Diese selbst gesetzte Wachstumsgrenze hat natürlich Auswirkungen.

Unsere besten Spieler werden von finanzstärkeren Clubs weggekauft, sobald sie ein Top-Niveau erreicht haben. Wir sind dann ein Spitzenclub, wenn wir dem Spieler finanziell und sportlich das gleiche bieten können, so dass er bei uns verlängert. Das will unser Management nicht. Basta. Da es ein gehobenes sportliches “Mittelfeld” (gemäß unseres eigenen Selbstverständnisses) in der Bundesliga aber schon lange nicht mehr gibt, sind wir in den kommenden Jahren jederzeit ein potenzieller Abstiegskandidat.

Und zwar wegen des “Wundertüten-Effekts”. Der Gladbacher Weg besteht bekanntlich darin, bislang unbekannte Top-Talente an den Niederrhein zu holen und drumherum ein gutes Dutzend Durchschnittsspieler zu scharen. Das führt erstens dazu, dass wir vor jeder Saison nicht wissen, was aus der Wundertüte herauskommt. Und zweitens machen das inzwischen fast alle Vereine unterhalb der ökonomischen Bundesliga-Oligarchie genauso. Der Abstieg in die 2. Liga ist damit keine Frage, sondern nur eine Frage der Zeit.

Dauerhafte Konsolidierung auf hohem Niveau (Europapokalplätze) ist mit dieser strategischen Ausrichtung nicht möglich, denn die wichtigste Komponente ist in diesem Modell der Zufall.

Okay, wenn wir das also im Hinterkopf haben, dann sollten wir aktuell glücklich darüber sein, dass wir den Klassenerhalt geschafft haben. Unsere Mannschaft könnte diese Saison noch zu einem Highlight machen, indem sie uns allen übermorgen das Pokalfinale in Berlin schenkt. Aber mein Gefühl sagt mir, dass sie das nicht tun wird.