Die Lehre aus der Leere

von Thorsten Cöhring am 7. Mai 2017

Das Pokal-Aus im Halbfinale gegen Frankfurt hat mich härter getroffen, als ich es selbst für möglich gehalten hatte. Ich war und bin traurig, tief traurig. Eine gewisse Leere breitet sich aus. Denn die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass sich eine solch große Chance in absehbarer Zeit nicht mehr auftun wird. Das Minimalziel der Saison, den Klassenerhalt, haben wir nach dem 2:1-Sieg am vergangenen Wochenende in Mainz erreicht. Die Minimalchance auf die Europa League haben wir durch das gestrige 1:1 gegen Augsburg verspielt.

Noch ein offenes Wort zur Stimmung gestern im Stadion: Zum wiederholten Male habe ich in der vergangenen Woche von unseren Protagonisten Sätze gelesen wie: “Wir haben in dieser Saison noch Großes vor” oder “Wir haben in dieser Saison noch große Ziele”. Mit solchen Verlautbarungen werden bei den Fans Erwartungen geweckt. Wenn die Mannschaft dann nicht mehr willens oder nicht mehr in der Lage ist, diesen Erwartungen gerecht zu werden, dann macht sich Unmut breit. Und zwar völlig berechtigter Unmut. Wenn die Mannschaft gestern gegen Augsburg auch nur eine Sekunde lang den Eindruck erweckt hätte, dass sie unbedingt in die Europa League will, dann hätte auch die Nordkurve mitgezogen. Sofort und bedingungslos. Aber für den Funken, der das Feuer entfacht, muss die Mannschaft sorgen. Alles andere sind billige Ausreden nach einer absolut indiskutablen Leistung.

Zwei Spieltage vor Schluss ist die Saison also für Borussia de facto gelaufen. Wir können den Blick schon mal voraus richten. Was ist die Lehre aus der Leere?

Im vergangenen Sommer wurden wir von vielen Medien dafür gefeiert, den “breitesten Kader” aller Zeiten zu haben. Vielleicht sogar den “besten”. Sagen wir’s mal so: Die “Breite” hat uns in der Saison 2016/17 den A*** gerettet, angesichts der ebenso gespenstischen wie mysteriösen Verletzungsserie. Ja, die horizontale Struktur des Kaders ist okay. Es hapert bei der vertikalen. Sprich: In der Leistungsspitze haben wir eine zu geringe Qualität, um größere Ziele als den Klassenerhalt in Angriff nehmen zu können. Keine Ahnung, wie oft ich das hier schon im letzten halben Jahr geschrieben habe, aber so langsam sollte es jedem klar sein. Momentan verfügen wir nicht über die Mittel, um im entscheidenden Moment Schalke (Europa League), Frankfurt (Pokal) oder Augsburg (Bundesliga) zu besiegen. Die Fohlenelf ist Durchschnitt, nicht mehr und nicht weniger, und ihr fehlt jeglicher “Killer-Instinkt”.

Mit Christensen bricht im Sommer erneut eine Stütze der Mannschaft weg, hingegen erscheint mir der Verlust von Dahoud verkraftbar. Gemäß unseres Dogmas “nicht wachsen wollen” werden wir die Positionen vermutlich mit Durchschnittsspielern neu besetzen, alles andere würde mich zumindest wundern. Um dem Abstiegskampf zu entgehen, brauchen wir dringend mindestens einen strategischen “Sechser”, und zwar einen aus der oberen Leistungskategorie. Und wir brauchen einen Strafraumstürmer mit Knipser-Qualitäten. Keine neue Erkenntnis von mir, aber die Dringlichkeit nimmt dramatisch zu.

Die Zeiten, in denen du dich “tikitakamäßig” vom eigenen Strafraum bis in den gegnerischen Strafraum durchkombinieren konntest, sind endgültig vorbei. Heute gilt: Der Ball muss in den gegnerischen Strafraum, schnell und kompromisslos. Wenn du nicht gerade über elf Rastellis verfügst wie Real Madrid, Bayern München oder FC Barcelona, dann solltest du dir das taktische Konzept von Mannschaften wie Juventus Turin, Atletico Madrid oder AS Monaco mal näher anschauen. Extrem gute und disziplinierte Arbeit gegen den Ball und bei Ballgewinn die Kugel im Überschalltempo vor das gegnerische Tor. Nicht RICHTUNG gegnerisches Tor, sondern VOR das gegnerische Tor. Und dann nicht lange fackeln mit dem Abschluss. Kurz und schmerzlos. So gewann der FC Sevilla dreimal die Europa League.

Das können wir nicht. Aber wir können es lernen. Wenn wir die passenden Spieler dazu haben und uns endlich von der Ballbesitz-Ideologie verabschieden, die uns ständig selbst in Bedrängnis bringt, weil wir den Ball zu oft im Aufbau verlieren. Und weil ich gerade dabei bin, noch ein kleiner Denkanstoß: Gute Mannschaften sind auch gut im Kopfballspiel, defensiv UND offensiv.

Nun ja, ich wollte es zumindest an dieser Stelle mal erwähnt haben. In Wirklichkeit wird es natürlich auch in der neuen Saison wieder so aussehen, dass jeder dritte Eckball für uns Sekunden später bei Yann Sommer landet. Zwischen eigenem Strafraum und Mittellinie, das ist das Rasen-Areal, auf dem Borussia Mönchengladbach am liebsten kombiniert. Wenn der Gegner auf die Idee kommt, ernsthaftes Pressing zu praktizieren, bekommt unser eigenes Spiel automatisch einen Schluckauf, denn einen Plan B haben wir nicht. Dann hilft nur noch Luft anhalten. Jedenfalls bei mir auf der Tribüne.

Steilpässe, Flanken: Fußball ist so einfach. Warum, zum Teufel, spielen wir so furchtbar kompliziert?

Unsere sportlich Verantwortlichen kokettieren häufig damit, die “Unberechenbarkeit” sei der größte Trumpf im Spiel von Borussia Mönchengladbach. Ich behaupte: Viel berechenbarer als Borussia Mönchengladbach anno 2017 geht es kaum noch.

Noch zwei Spiele, dann sind drei Monate Pause. Irgendwie fühle ich mich reif dafür.