Der obskure Charme der Sommerpause

von Thorsten Cöhring am 23. Juli 2017

Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Sommerpause für einen Borussia-Anhänger die schönste Zeit des Jahres. Nach dem Ende einer enttäuschenden Saison wuchs wöchentlich die Vorfreude darauf, dass in der nächsten Spielzeit alles besser wird. Diese Euphorie hielt gewöhnlich bis zum 3. Spieltag, ehe sie von grenzenloser Ernüchterung abgelöst wurde. Ja, so war das. Bis Lucien Favre kam. Inzwischen ist die Sommerpause irgendwie anders.

Nach Jahren der relativen Entspannung zwischen 2012 und 2016 lautet das neue Schema: Ich bin mit der abgelaufenen Saison zufrieden und wöchentlich wächst die Furcht, dass wir in der neuen Spielzeit schwächer sein werden. Und die Furcht vor dem „schwächer sein“ ist begründet, denn das bedeutet für einen Verein wie Borussia Mönchengladbach automatisch: Wir stecken im Abstiegsstrudel.

Wie so vieles im Fußball ist natürlich auch das Sommerpausen-Syndrom komplett irrational. Keiner kann voraussehen, ob es in der Mannschaft „passt“. Einziger Indikator in diesem Zusammenhang sind die personellen Veränderungen im eigenen Team und bei der Konkurrenz.

Also wird die Sommerpause gern und ausschweifend dazu genutzt, um darüber zu spekulieren, wie Borussia nach den Transfers der vergangenen Wochen einzuordnen ist. Nach den Eindrücken vom Telekom Cup versprechen vor allem Zakaria und Cuisance einiges für die Zukunft, es bleibt aber abzuwarten, inwieweit sie bereits in der kommenden Saison eine tragende Rolle spielen können.

Laut dem Zentralorgan für Kaffeesatzleserei bei Ablösesummen (transfermarkt.de) haben wir inzwischen für 35 Millionen Euro neue Spieler geholt: Matthias Ginter aus Dortmund (17 Mio.), Denis Zakaria aus Bern (12) und Vincenzo Grifo aus Freiburg (6). Außerdem haben wir mit Reece Oxford, Mickael Cuisance, Florian Neuhaus und Julio Villalba unser Talentreservoir aufgefüllt. Demgegenüber stehen die Abgänge von Christensen, Dahoud, Hahn, Korb, N. Schulz, M. Schulz und Sow (Stand heute), wobei nur Christensens Abschied das Team wirklich schwächt.

Jetzt lässt sich wohlfeil darüber streiten, wie sich das qualitativ auf unsere Mannschaft auswirkt. Meine Meinung über unsere Defizite habe ich in den vergangenen Monaten oft genug kundgetan. Abgesehen von der Verletzungsserie krankte unser Spiel daran, dass uns ein Spiellenker auf der Sechs und ein Strafraumstürmer fehlten. Gemessen daran kann ich keinen Fortschritt in der Kaderqualität erkennen. Wir stagnieren in der Entwicklung und andere ziehen Schritt für Schritt an uns vorbei.

Viele Borussen in meinem Freundeskreis erwarten, dass wir in der kommenden Spielzeit wieder um die Europapokal-Plätze mitspielen werden. Ich prognostiziere, dass wir gegen den Abstieg spielen werden. Und es wird für uns diesmal eine ganz enge Kiste.

So lange die FIFA nicht den Videobeweis für falsche Transfers einführt, so lange gibt es nur eine unbestechliche Instanz, die über falsch und richtig entscheidet: Sieg und Niederlage. Wer gewinnt, hat alles richtig gemacht; wer verliert, hat alles falsch gemacht. Das ist die simple Logik des Sports. Die Antwort kennen wir mithin erst im Frühjahr 2018.

Bis dahin hoffe ich mal wieder, dass ich mich fundamental täusche. Denn ich finde es eigentlich eine verdammt schöne Sache, wenn am 3. Spieltag die Ernüchterung von einer Euphorie abgelöst wird…

  • Heiko Holler

    Najaaa… etwas Schwarzmalerei in meinen Augen! Grifo halte ich für einen weiteren Top-Transfer (den „Typischen Eberl“ verkneife ich mir mal – Autsch, doch passiert!) für vergleichsweise wenig Kohle. Wo ich Dir Recht gebe, ist, dass wir im Spielaufbau etwas mehr Kreativität vertragen könnten. Da werden wir wohl leider etwas warten müssen, bis ein Benes, ein Zakaria oder vielleicht ein Cuisance reif genug sind, dauerhaft in der BL Topleistungen zu bringen. Aber deswegen gleich von Abstieg sprechen? Tststs… und der von Dir gerühmte Xhaka hat schließlich auch mehr als ein Jahr mehr Ärger als La Ola hervorgerufen. Danach war er ohne Frage ein Top-Spieler – wenn er denn nicht rot-gesperrt fehlte…

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