Die Seele chillt

von Thorsten Cöhring am 20. September 2017

Zum Glück ist die Fußball-Fanseele denkbar einfach gestrickt. Wenn Borussia Mönchengladbach ein schlechtes und langweiliges Spiel abliefert und am Ende 2:0 gewinnt, dann bin ich rundum zufrieden.

Während sich die Seele lässig-entspannt zurücklehnt und sich selbst baumeln lässt, schreit im Hintergrund der Kopf: “Hast du sie noch alle? Denk doch mal nach!” Also gut. Man will ja seinem eigenen Gehirn gegenüber nicht unhöflich sein. Aber beschränken wir das Thema “nachdenken” heute auf das Allernotwendigste.

Genau genommen war es gestern Abend ein Fußballspiel zum Weglaufen. Ereignislosigkeit in Reinkultur. Der VfB Stuttgart weigerte sich eine Halbzeit lang hartnäckig, überhaupt am Spiel teilzunehmen. Und Borussia Mönchengladbach fiel in der Offensive nichts ein. Wirklich nichts. Stattdessen endlose Ballstafetten entlang der Mittellinie. Wir haben halt keinen Spieler, der im gegnerischen Strafraum mal für Alarm, Aufregung oder Unordnung sorgen kann. Wir haben Feingeister, die jeden Schnitt in die Abwehr des Gegners mit der Präzision eines Chirurgen planen. Und das funktioniert halt oft nicht so wie gewünscht. Oft ist das Skalpell stumpf. Das war gegen Frankfurt so und das war auch gestern so. Stuttgart übrigens hat so einen Alarmspieler. Terodde, den wir im Sommer fast gekauft hätten. Der hatte allerdings einen Tag erwischt, an dem man sich beim “in-der-Nase-popeln” den Finger bricht.

Embed from Getty Images
Raffael netzt zum 1:0 ein.

So hätten beide Mannschaften vermutlich noch drei Wochen weiterspielen können, ohne auch nur in die Nähe eines Torerfolgs zu kommen. Wenn nicht bei Raffael in der 57. Minute plötzlich ein Geistesblitz eingeschlagen hätte. Er spielte mit einem genialen Querpass auf der rechten Seite Elvedi frei und dessen scharfe Hereingabe versenkte der Brasilianer volley mit dem Spann zum 1:0 im unteren Eck. Ein Tor wie aus dem Nichts, aber dennoch wunderschön. Der zweite Treffer war hingegen nicht herausgespielt. Nach einer Freistoßflanke in den Strafraum riss Aogo den einlaufenden Hazard an der Schulter um und Raffael verwandelte den Elfmeter zum 2:0-Endstand (74.). In der Schlussphase luden wir zwar die bis dahin harmlosen Schwaben großzügigerweise noch zum Toreschießen ein, aber die lehnten ab. Oder besser gesagt: Keeper Sippel, der den verletzten Sommer vertrat, hatte erstens einen “Sahnetag” erwischt und zweitens keinen Bock auf Gegentore.

Ein enorm wertvoller Heimsieg, der etwas den Druck aus dem Gastspiel in Dortmund am Samstag nimmt. Denn die Spiele dort endeten für uns zuletzt meist so, wie die beiden vergangenen Partien für Christoph Kramer: ziemlich blutig.

Noch zwei positive Aspekte des gestrigen Abends:

  1. Zur zweiten Halbzeit wurde der gerade 18 Jahre alte Michael Cuisance für den erneut angeschlagenen Kramer eingewechselt. Und der Jungspund aus Frankreich hatte in den ersten zehn Minuten gefühlte 50 Ballkontakte. Mit anderen Worten: Ich war begeistert von seinem Mut, seiner Frechheit und vor allem von seinen technischen Fertigkeiten. Ein typischer Linksfuß mit einem ganz feinen Fußgelenk. Hoffentlich können wir ihn ein paar Jahre behalten. Vermutlich werden wir an ihm noch viel Freude haben.
  2. Es waren 44.000 Zuschauer im Borussia-Park. Und das trotz der skandalösen Anstoßzeit von 18.30 Uhr an einem normalen Arbeitstag mitten in der Woche. Ich hatte mit deutlicher weniger gerechnet, insgeheim sogar damit, dass wir erstmals nach vielen Jahren wieder die 40.000-Marke unterschreiten.

So, lieber Kopf, das war’s. Jetzt lass mich in Ruhe. Ich möchte chillen. Deine Seele.

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: