Kohle gewinnt

von Thorsten Cöhring am 17. September 2017

Mönchengladbach wird nicht Spielort der Europameisterschaft 2024 und Borussia entführt überraschend einen Punkt aus Leipzig. Die chronologische Aufarbeitung eines aufregenden Wochenendes.

Ich hatte zwar gehofft, aber bestimmt nicht erwartet, dass der Borussia-Park eines der zehn Stadien sein wird, in denen in sieben Jahren EM-Spiele ausgetragen werden. Von daher hält sich meine Enttäuschung über die Entscheidung des DFB contra Mönchengladbach in Grenzen. Stadt und Verein setzten in ihrer Bewerbungskampagne ganz auf die Karten Emotion und Image: Als großer deutscher Fußball-Traditionsstandort sind wir endlich mal dran. Einerseits ist das aller Ehren wert und trifft genau das Befinden der Volksseele. Auf der anderen Seite ist es schon arg blauäugig.

Kohle gewinnt. Auf dem Spielfeld und neben dem Spielfeld. Zum Beispiel bei der Vergabe von großen Turnieren oder bei der Benennung von Spielorten. Das sollte selbst dem größten Fußballromantiker mittlerweile klar sein. Denn die Ablehnungs-Argumentation des DFB ist … nun ja, wie soll ich es ausdrücken … sagen wir mal: intellektuell nur schwer greifbar. Das achtgrößte Stadion in Deutschland mit den weitaus meisten Parkplätzen in unmittelbarer Stadionnähe soll gegenüber den anderen Bewerbern Nachteile in puncto “Kapazität” und “Mobilität” haben? Entschuldigung, aber bei so viel Humbug kriege ich die Motten! Mein gut gemeinter Rat an die DFB-Funktionäre: Seid doch zur Abwechslung einfach mal ehrlich. Das wäre eurem Image enorm zuträglich.

Übrigens steht noch gar nicht fest, dass Deutschland Ausrichter der EM 2024 sein wird. Aber so wie ich den DFB kenne, wird er auch diesbezüglich Mittel und Wege finden. Da bin ich sicher.

Kommen wir zum sportlichen Teil des Wochenendes. Der ist deutlich erfreulicher.

Drei Stunden lang hatte Borussia Mönchengladbach miserablen Fußball gespielt. In der zweiten Halbzeit in Augsburg, in beiden Halbzeiten gegen Frankfurt – und in der ersten Halbzeit gestern in Leipzig. In den ersten 45 Minuten spielte die Brause-Marketingtruppe mit der Fohlenelf Katz und Maus. Man musste das Schlimmste befürchten. Glücklicherweise führte die Combo des Ösi-Milliardärs nur 2:1 durch Werner (17.) und Augustin (31.). Zwischenzeitlich schenkte uns Leipzig einen Elfmeter (Bernardo schubste Hofmann um), den Hazard zum 1:1 verwandelte (25.).

Getty Images
Gulacsi ist gegen Hazards Elfmeter machtlos.

Was dann in der Halbzeitpause passiert ist, weiß ich leider nicht. Auf jeden Fall kam eine ganz andere Fohlenelf aus der Kabine. Plötzlich waren sie da, die Grundtugenden des Fußballs: Wille, Lauf- und Zweikampfbereitschaft. Auf Basis dessen spielte Borussia von Minute zu Minute besser und kam nach einer Stunde durch Stindls großartigen 20-Meter-Schlenzer ins lange Eck zum völligen verdienten 2:2-Ausgleich.

Es wäre sogar noch mehr drin gewesen, aber so gut Borussia auch spielt – im gegnerischen Strafraum wissen unsere Spieler nicht mehr, was sie machen sollen. Den kürzesten Weg des Balles ins gegnerische Tor kennen sie nicht. Stattdessen werden sie wahrscheinlich irgendwann den Nobelpreis bekommen. Für die Erfindung der schwierigsten mathematischen Formel im Fußball. So tickt unsere Offensive. Leider.

Nach der Roten Karte für Leipzigs Star Keita (84.), der mit einem Kung-Fu-Tritt Kramer niedergestreckt hatte, ging unsere Mannschaft nicht mehr mit vollem Risiko auf den Sieg, sondern sicherte das Unentschieden. Aus meiner Sicht die richtige Entscheidung, denn in dieser Saison zählt für uns jeder Punkt; schon gar ein gänzlich unerwarteter. Ich würde mich sehr freuen, wenn Borussia am Dienstag gegen Stuttgart an die gestrige zweite Halbzeit anknüpfen könnte.

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: