Der Brasilien-Effekt

von Thorsten Cöhring am 22. Oktober 2017

Nach dem Bremen-Sieg wurde Borussia Mönchengladbach von den Medien gefeiert, in der Bandbreite zwischen überschwänglich und euphorisch. Der Sieg hatte selbstverständlich nichts mit der Tagesformschwäche des Gegners zu tun, sondern resultierte ausschließlich aus der großartigen Stärke der Fohlenelf. Nun, ich war in der vergangenen Woche gespannt, wie sich Borussia gegen Bayer Leverkusen aus der Affäre ziehen würde, also gegen eine Mannschaft, die meiner Meinung nach personell deutlich besser besetzt ist.

Borussia hat mir die Antwort gegeben. Eine sehr irritierende Antwort. 48 Minuten lang machte meine Mannschaft ein gutes Spiel und führte durch Johnsons frühen Treffer nach Vorarbeit von Hazard (7.) mit 1:0. Und sie hätte längst mit mindestens 5:0 führen müssen, aber sie vergab ein halbes Dutzend 100-prozentige Torchancen.

Gerade hatte Wendt unmittelbar nach der Pause unsere letzte klare Chance verdaddelt, da trat etwas ein, was ich seit einigen Jahren den “Brasilien-Effekt” nenne. Wer das WM-Halbfinale 2014 zwischen Brasilien und Deutschland gesehen hat, der weiß wahrscheinlich, was ich damit meine. Leverkusen erzielte den 1:1-Ausgleich (48.) und von einer Minute auf die andere brach die gesamte Mannschaft von Borussia Mönchengladbach wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ohne sonderlich großen Aufwand erzielte Leverkusen zwischen der 48. und 69. Minute vier Tore (S. Bender, Bailey, Brandt, Volland). Später traf Wendell noch die Latte (75.) und Pohjanpalo erhöhte auf 1:5 (81.).

Es ist immer wieder interessant die Frage zu diskutieren, wie es zu solch einem mentalen Kollaps innerhalb einer Mannschaft kommen kann. Wesentlichste Ursache ist nach meiner Überzeugung ein unheilvoller Cocktail aus Selbstüberschätzung und Euphorie. Deshalb ist dieses 1:5 auch nicht mit dem 1:6 in Dortmund vergleichbar. In Dortmund wurden wir von einer um Klassen besseren Mannschaft einfach nur vorgeführt. Gestern hingegen hat uns nicht Leverkusen auseinander genommen; nein, WIR haben das Spiel verloren, weil wir zu Gegenwehr nicht mehr fähig waren.

Jetzt gilt es, die Lehren daraus zu ziehen. Die in totale Sorglosigkeit und Übermut mündende Euphorie wieder in geordnete Bahnen zu lenken, ist dabei die einfachere Aufgabe. Konzentration und Disziplin, wie in Bremen, sind die Grundvoraussetzungen für unser Spiel. Schwieriger wird es beim Thema Selbstüberschätzung. Denn dieses Grundübel wird vom gesamten Umfeld vorgelebt, von den Verantwortlichen im Verein, über die Lokal- und Fachmedien, bis hin zu der großen Mehrheit der Fans.

Seit einem Vierteljahr schreibe ich hier, dass der Klassenerhalt unser Ziel in der Saison 2017/18 sein muss. Borussia hat im Kader gravierende Schwachstellen. Wir sind momentan Achter in der Tabelle und wir sind auf Augenhöhe mit den Mannschaften auf den Plätzen 10 bis 18. Unsere Siege haben wir errungen gegen Köln, Stuttgart, Hannover und Bremen. Das ist sehr erfreulich, weil das genau die Teams sind, mit denen wir uns messen müssen. Immens wichtig ist deshalb auch das nächste Heimspiel gegen Mainz.

Die beiden kommenden Auswärtsspiele in Düsseldorf (Pokal) und Hoffenheim (Liga) sollten idealerweise dazu dienen, Borussia wieder mental zu konsolidieren. Ich hoffe, es gelingt. Unabhängig vom Ergebnis dieser beiden Spiele.