Kloppt den Videobeweis in die Tonne!

von Thorsten Cöhring am 1. Oktober 2017

Das Heimspiel gegen Hannover 96 förderte zwei erfreuliche Erkenntnisse zu Tage: Wir haben drei wichtige Punkte eingefahren und wir haben einen höchst außergewöhnlichen Spieler im Kader.

Fangen wir ausnahmsweise mit dem Spieler an. Er heißt Michael Cuisance, ist Franzose und ist gerade mal 18 Jahre jung. Wenn ich Max Eberl wäre, würde ich ihm sofort einen 10-Jahres-Vertrag geben. SOFORT! In der Hoffnung, dass er noch ein paar Jahre bleibt. Cuisance ist ein Spieler, der jedes Fußballherz höher schlagen lässt. Er verfügt über Spielintelligenz und Spielwitz, gepaart mit Schnelligkeit, Technik und Mut. Klar, er hat macht noch viele Fehler und hat erhebliche Zweikampf-Defizite. Aber das sind Dinge, die du trainieren kannst. Nur außergewöhnliches Talent, das kannst du nicht trainieren.

Cuisance wird eine große Karriere machen. Sofern zwei Voraussetzungen erfüllt sind: 1. Er bleibt mit beiden Füßen fest auf dem Boden. 2. Er hat Berater, die ihn behutsam aufbauen und nicht nach 10 guten Spielen komplett durchdrehen, weil sie das große Geld wittern. Du sitzt als zahlender Fan auf der Tribüne und freust dich darüber, diesen Spieler zu sehen. Solche Gefühle habe ich lange nicht mehr empfunden. Aber wie gesagt: Es ist ein schmaler Grat zwischen steilem Aufstieg und steilem Absturz. Es gibt genügend Beispiele auf der einen und auf der anderen Seite.

Das Spiel gegen Hannover war über weite Strecken eine Kopie der Heimspiele gegen Frankfurt und vor allem Stuttgart. Der Gegner stand kompakt und sicher, war bissig und laufstark. Und Borussia Mönchengladbach hatte im Offensivspiel null Ideen. Wieder hattest du das Gefühl: Sie können noch Monate spielen, ohne ein Tor zu erzielen. An Raffael lief das Spiel komplett vorbei (15 Ballkontakte) und Stindl war zwar fleißig, wirkte aber wie so oft in letzter Zeit seltsam gehemmt. Auch von den Flügeln kam so gut wie nichts.

Ein richtiges Fußballspiel wurde es erst in der 67. Minute. Da schnippelte Linksfuß Cuisance einen Freistoß mit unglaublichem Effet vor das Tor und Ginter brauchte nur noch die Fußspitze hinzuhalten, um die Kugel zum 1:0 über die Linie zu drücken. Doch die Freude währte nur kurz. Denn während Vestergaard nach einer Behandlungspause auf seine Rückkehr auf den Rasen wartete, nutzte Harnik die Gunst der Stunde und köpfte einen Eckball zum 1:1 ein (71.). Und eben jener Harnik hätte das Spiel auch in der 87. Minute für Hannover entscheiden müssen, doch er jagte die Hereingabe von Bebou freistehend aus einem Meter Entfernung an die Latte.

Dies wiederum ermöglichte Borussia in der Nachspielzeit den 2:1-Siegtreffer, der an Kuriosität kaum noch zu überbieten war. Der eingewechselte Grifo legte sich im Strafraum den Ball zu weit vor, er trudelte ins Toraus. Währenddessen rutschte jedoch Hannovers Innenverteidiger Sane in Grifo hinein und holte ihn von den Beinen. Eine irrsinnige Aktion, aber ein klares Foul. Von weithin zu sehen. Schiedsrichter Dingert entschied richtigerweise auf Elfmeter. Das rief den Videoschiedsrichter Stark auf den Plan, der offenbar eine Fehlentscheidung gesehen hatte, denn sonst hätte er sich ja nicht gemeldet. Das wiederum rief Dingert auf den Plan, der sich die Szene noch einmal selbst auf dem Monitor ansah, Starks falsche Entscheidung korrigierte und bei seiner richtigen Entscheidung blieb. Diese Farce dauerte rund drei Minuten, ehe Hazard endlich den Elfmeter versenken durfte (90.+4).

Ich kann dazu nur wiederholen, was ich schon immer gesagt habe: Kloppt diesen lächerlichen Videobeweis endlich in die Tonne! Wir brauchen ihn nicht. Fußball ist ein Echtzeitspiel. Und die strittigen Situationen werden dadurch nicht unstrittiger. Wie viele Desaster müssen wir noch erleben, bevor diese unsägliche Erfindung endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte landet?

Zum Abschluss möchte ich meine Mannschaft noch einmal ausdrücklich loben. Sie hat wieder nicht gut gespielt. Aber sie hat das gezeigt, was ich von ihr erwarte: Sie hat in der Schlussphase mit hohem Risiko und großem Siegeswillen den Erfolg erzwungen. Mit 11 Punkten aus 7 Spielen in die zweite Länderspielpause – damit können wir leben. In zwei Wochen geht’s in Bremen weiter.

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