Matschtag

von Thorsten Cöhring am 5. November 2017

Sehr viele Fohlen-Fans sind hinsichtlich der Leistungsstärke unserer Mannschaft anderer Meinung als ich. Sehr viele halten Borussia Mönchengladbach für stärker als ich es tue. Gestern trat ich einmal mehr in der Hoffnung die Reise in den Borussia-Park an, meine Mannschaft werde mich davon überzeugen, dass ich mit meiner Einschätzung völlig falsch liege. Es gelang ihr wieder nicht.

In meiner Fußballwelt zählt Borussia Mönchengladbach zu den zwölf etwa gleichwertigen Bundesliga-Teams, die am unteren Ende der Skala die Absteiger unter sich ausmachen, und am oberen Ende an der Europa-League-Qualifikation kratzen. Wer oben und wer unten steht, darüber entscheiden oftmals Nuancen. Ein guter Start beispielsweise, oder eine gute Teamchemie, Tagesform oder Verletzungspech. Und am Ende des Tages auch eine gehörige Portion Glück. Wir gehören also zu den Clubs, die sich immer ernsthaft Sorgen machen müssen, nicht in den Abstiegsstrudel zu geraten. Das ist meine Ansicht in Kurzfassung. Ich gehöre folglich auch nicht zu denen, die nach einer schlechten Leistung von Borussia anfangen zu pfeifen.

Ja, Borussia hat gestern gegen Mainz schlecht gespielt. Vor allem in der ersten Halbzeit. Es ist ja nett anzusehen, dass wir in der Fairplay-Tabelle auf dem 3. Rang stehen, aber unser körperloses Spiel hat natürlich auch seine Nachteile. Vor allem dann, wenn wir auf einen Gegner treffen, die uns in puncto Lauf- und Zweikampfbereitschaft klar überlegen ist.

Die gravierende Mainzer Überlegenheit veranlasste den Mann in Grün beim Halbzeit-“Tee” zu der fundamental-apokalyptischen Aussage: “Mein Vorteil ist, dass ich mit dem Zug unterwegs bin und saufen kann!” Ich trank gestern wie gewohnt Cola und konnte demzufolge nicht prüfen, ob das Spiel unter regelmäßiger Zuführung von Alkohol besser zu ertragen war.

Es war der Halbzeitpfiff, der uns vor Schlimmerem bewahrte. Bei der Mainzer 0:1-Führung patzte ausgerechnet unsere Schweizer Bank im Tor. Bei einer Kerze im 5-Meter-Raum sprang Diallo mit dem Kopf höher als Yann Sommer mit der Faust und nickte den Ball ins Netz (19.). Das Mainzer 0:2 durch Öztunali (39.) wurde nach mehrminütiger Unterbrechung per Videobeweis wieder aberkannt. Serdar hatte zuvor angeblich Ginter gefoult. Das 0:2 wäre hochverdient gewesen und hätte gleichzeitig vermutlich für uns den frühen Knockout bedeutet.

Zum Videobeweis sage ich nur den einen Satz, den ich seit Jahren wiederhole: Er raubt dem Fußballsport seine Seele. Fußball ist ein einfaches Echtzeitspiel, das von Fehlern der Spieler, der Trainer und der Schiedsrichter lebt. Wer das in Frage stellt, liebt den Fußball nicht und hat ihn nicht verstanden. Das sage ich, obwohl wir in diesem Fall davon profitiert haben.

In der zweiten Halbzeit wurde Borussias Spiel besser. Vor allem dank der Hereinnahme von Kramer, der als zentrale Anspielstation endlich etwas Struktur in unser Aufbauspiel brachte. Und am Ende war es gerecht, dass unser mit Abstand bester Spieler an diesem Tag den Ausgleich erzielte: Vestergaard wuchtete einen Hazard-Eckball per Kopf zum 1:1 in die Maschen (67.). Zu mehr als einem Remis war die Fohlenelf an diesem Tag definitiv nicht fähig. Mainz hingegen schon, aber Brosinski traf mit einem feinen Freistoß aus 25 Metern glücklicherweise nur die Latte (89.).

Okay, Haken dran.

Nach einem Drittel der Saison, vor der dritten Länderspielpause, rangiert Borussia Mönchengladbach in der Tabelle mit 18 Punkten aus 11 Spielen über dem Strich. Nicht auf einem Europacup-Platz, aber nur zwei Punkte von der Champions League entfernt. Der Vorsprung auf den Abstiegsplatz beträgt 10 Punkte. Das ist eine gute Bilanz.

Die acht Punkte, die wir zu Hause abgegeben haben, haben wir uns auswärts zurückgeholt. Das ist erfreulich. In der Hans-Meyer-Tabelle liegen wir damit auf Kurs 51 Punkte. Wenn ich mir allerdings so unsere Bundesliga-Heimbilanz des Jahres 2017 anschaue, dann sehe ich bestenfalls Durchschnitt: Von 14 Heimspielen hat Borussia gerade mal sechs gewonnen.

Gemessen an MEINEN Erwartungen liegen wir momentan noch gut im Rennen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht, denn die beiden nächsten Gegner im Borussia-Park, der inzwischen keine Festung mehr ist, heißen Bayern München und Schalke 04.

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