Optimale Balance zwischen Kaltblütigkeit und Leidenschaft

von Thorsten Cöhring am 26. November 2017

Siege über Bayern München sind immer noch das Schönste, was das Bundesligaleben für ein rautenförmiges Fußballherz zu bieten hat. Tatsächlich sind sie noch schöner als Derbysiege. Insofern war gestern wieder höchster Feiertag. 2:1 (2:0)-Erfolg im Borussia-Park über die bajuwarischen Dauergewinner. Oder um die Rolling Stones zu zitieren: I know it’s only Rock’n’Roll – but I like it!

Den Bayern fehlten gestern eine ganze Reihe namhafter Spieler: Neuer, Robben, Thiago, Alaba, Rafinha, Müller und Ribery. Alle verletzt. Welche Auswirkungen hatte dieser Umstand auf die Mannschaft? Überschaubar wenig. In der Münchner Startelf stand kein einziger Feldspieler, der NICHT Nationalspieler ist! So viel zu der Behauptung, es habe sich um eine personell geschwächte Bayern-Elf gehandelt, die da im Borussia-Park ihre Visitenkarte abgab.

Ich habe es an dieser Stelle ja schon oft geschrieben: Es müssen immer mehrere Faktoren gleichzeitig zusammenkommen, um gegen die überragende Weltauswahl eine Chance zu haben. Erstens eine schlechte Tagesform des Star-Ensembles. Das war gestern zweifellos der Fall. Die Münchner wirkten überspielt und träge, ideenlos und seltsam unentschlossen. Zweitens brauchst du Glück. Auch das hatten wir, als Lewandowski (43.) und Coman (66.) jeweils nur den Pfosten trafen

Und drittens musst du als Gegner selbst eine absolute Top-Performance bieten. Das ist Borussia Mönchengladbach gelungen. Es war in puncto Teamwork, Disziplin, Konzentration, Lauf- und Zweikampfbereitschaft die beste Leistung der Saison. Eine beeindruckende Ausgewogenheit aus Kaltblütigkeit und Leidenschaft. Denn zwischen diesen beiden Polen die Balance zu halten, ist extrem schwierig. Ich verweise auf das Spiel gegen Leverkusen, als uns das überhaupt nicht gelungen ist. Diesmal gelang es, obwohl mit Kramer einer unserer Schlüsselspieler bereits nach 8 Minuten verletzt raus musste.

Gegen Bayern München “mitspielen” zu wollen, grenzt an sportlichen Selbstmord. Sobald der Dauermeister in der Offensive Räume hat, bist du hoffnungslos verloren. Entsprechend handelte die Fohlenelf. Im Prinzip waren wir mit dem gleichen Konzept erfolgreich wie beim 3:1 vor zwei Jahren. Bayern hatte über 70% Ballbesitz, 25:7-Torschüsse, aber keine zündende Idee; wir haben weitgehend fehlerlos verteidigt – und unsere Konter saßen. Zwar versemmelte Raffael die erste 100-prozentige Torchance ungewohnt unkonzentriert (13.), aber kurz vor der Halbzeitpause ging’s munter los. Nach einem seltsamen Handspiel von Süle verwandelte Hazard den Elfmeter mit viel Glück zum 1:0 (39.) und Ginter schob nach exzellenter Vorarbeit von Stindl aus kurzer Distanz zum 2:0 ein (44.).

Obwohl Bayern in der zweiten Halbzeit den Belagerungszustand ausrief und wir kaum noch über die Mittellinie kamen, hatte man nie wirklich das Gefühl, das an diesem Tag noch etwas schiefgehen könnte. Auch nicht nach Vidals Sonntagsschuss zum 2:1 (74.). Die wirklich erfreuliche Nachricht des Tages: Borussia hat die einzig erfolgversprechende Spielstrategie gegen Bayern München mit viel Herz und Willen erfolgreich umgesetzt. Chapeau, Jungs!

Zwei ganz wichtige Erfolgsfaktoren möchte an dieser Stelle noch erwähnen. Einerseits das famose Arbeitspensum unserer Offensivspieler Raffael, Stindl, Hazard und Herrmann im Spiel gegen den Ball. Nicht einfach, wenn du weißt, dass du so gut wie nie an die Kugel kommen wirst. Zweitens die überragende Leistung von Abwehrchef Vestergaard. Er räumt nicht nur ab, was es abzuräumen gibt, nein, er spielt mittlerweile auch extrem gute lange Bälle in der Eröffnung. Für mich ist er ganz unumstritten der Spieler des Spiels und eine der erfreulichsten Überraschungen der gesamten Saison.

So, die beiden nächsten Auswärtsspiele führen uns zu unseren “Auswärts-Angstgegnern” Wolfsburg und Freiburg. Dazwischen kommt Schalke. Es bleibt spannend bis Weihnachten. Aber die 24 Punkte nimmt uns niemand mehr weg… 😉

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