Wenn man keine Probleme hat, macht man sich welche

von Thorsten Cöhring am 17. Dezember 2017

Manchmal verstehe ich die Welt nicht so richtig. Insbesondere die Borussia-Welt. Wie gerade in diesem Augenblick.

Max Eberl hat sich um Borussia Mönchengladbach große Verdienste erworben. Eines seiner größten: Borussia VfL 1900 hat wieder eine kulturelle Identität. Eine Vereinskultur. Eine Unternehmenskultur. Eine Kommunikationskultur. Weshalb er diese beispielhafte Errungenschaft mit seinem emotionalen Rundumschlag ausgerechnet jetzt selbst mit Füßen tritt, ist mir schleierhaft.

Ich habe Verständnis, dass er die “Modefans” zum Kotzen findet. Da geht es ihm nicht anders als mir. Aber diese “Modefans” werden automatisch wegbleiben, sobald es eines Tages nicht mehr so gut läuft und Borussia nicht mehr “en vogue” ist. Übrig bleiben dann die 99 Prozent aller Fans, die die Raute im Herzen tragen und die ihre Mannschaft niemals auspfeifen würden. Die sich vielleicht später hinter ihrem Bier verschanzen und lauthals vor sich hin fluchen (ich weiß, wovon ich rede). Aber die im Stadion niemals vergessen, dass sie Borussen sind. Die “Modefans” sind es nicht wert, dass man auch nur einen Atemzug an sie vergeudet. Warum also tut er das?

Und noch etwas verstehe ich nicht. “Es ist die Erwartungshaltung”, sagt Max Eberl. Ja, verdammt nochmal, das stimmt. Das schreibe ich hier seit Monaten. Und deshalb sollten ALLE im Umfeld, insbesondere die Vereinsverantwortlichen, unsere Mannschaft nicht ständig besser reden als sie ist.

Wenn ich im Kontext Borussia das Wort “Ballbesitzfußball” höre, dann kräuseln sich bei mir die Nackenhaare. Spieler, die produktiven Ballbesitzfußball spielen, können wir uns nicht leisten. Die gehen zu Real Madrid oder Bayern München. Das war schon immer so. Wir spielen bestenfalls unproduktiven Ballbesitzfußball: Pro Tor, das wir damit erzielen, kriegen wir hinten drei rein. Weil wir im Aufbau zu viele Ballverluste haben. Und das hat etwas mit Qualität zu tun.

So lange ich denken kann, war Borussia immer dann erfolgreich, wenn die Mannschaft kompromisslosen Konterfußball gespielt hat. Eine stabile, gut organisierte Defensive, Balleroberung, blitzschnelles Umschaltspiel, steile Pässe in die Spitze und kaltschnäuziger Abschluss. So haben wir übrigens auch am Freitag das Spiel gegen Hamburg gewonnen. Wir haben den Gegner keineswegs mit Ballbesitzfußball erdrückt, wir haben durch zwei blitzsaubere Kontertore 3:1 gewonnen. Nein, es war keine Gala. Es war trotz sehr guten Beginns am Ende ein wunderbarer Auszug aus dem Lehrbuch für Dreckssiege.

Das alles heißt für mich: Wenn man keine Probleme hat, macht man sich welche. Wir haben allen Grund, uns zufrieden zurückzulehnen und friedlich-glücklich Weihnachten zu feiern. Das Jahr 2017 war in der Bundesliga ein ausgesprochen gutes Jahr. 28 Punkte in der Rückrunde 2016/17 und 28 Punkte in der Hinrunde 2017/18. Mehr kann man als Borusse nicht erwarten.

Ich muss es leider immer wieder betonen (Stichwort: Erwartungen): Unterhalb der finanzstarken Top-Clubs ist das Bundesligafeld inzwischen so ausgeglichen, dass sich alle Teams, auch Borussia Mönchengladbach, vor jeder Saison ernsthaft Sorgen darum machen müssen, nicht in den Abstiegsstrudel zu geraten. Das ist uns aktuell gelungen. Wir werden mit dem Abstieg in dieser Saison nichts mehr zu tun haben. Trotz unseres seit zweieinhalb Jahren andauernden Verletzungsdesasters. Andere jammern ständig über ihre Verletzungsmisere und sind Tabellenletzter. Wir sind Sechster. Bravo!

Die Pflicht der Saison 2017/18 ist damit bereits so gut wie erledigt. Ob wir in der Kür noch einmal zulegen und einen Europa-League-Startplatz anpeilen können, wird die Zeit zeigen. Es kann auch gut sein, dass wir am Ende “nur” Zehnter oder Elfter werden, denn momentan trennen den Dritten (Dortmund) läppische fünf Punkte vom Elften (Hannover). Laut “Hans-Meyer-Tabelle” galoppieren die Fohlen derzeit Richtung 52 Punkte. Eine Punktzahl, die in den vergangenen fünf Jahren nur einmal nicht zur Europacup-Quali gereicht hat. Ja, Europapokal wäre schön, aber wenn es am Ende nicht reicht – so what?

Wie dem auch sei: Die Saison ist für mich jetzt schon ein Erfolg. Weil wir trotz unserer unübersehbaren Kader-Defizite auf mehreren Positionen mehr erreicht haben, als ich im Sommer erwartet hatte.