Duell der Meinungen

von Thorsten Cöhring am 4. Februar 2018

Momentan ist es durchaus spannend, die Diskussionen rund um Borussia Mönchengladbach in den einschlägigen Online-Medien zu verfolgen. Es gibt zwei Lager. Nein, Lager ist der falsche Begriff. Es gibt zwei Meinungen. Eine Mehrheitsmeinung und eine Minderheitsmeinung.

Die Mehrheitsmeinung besagt, dass Borussia viel besser ist, als es der Tabellenplatz und die Punkteausbeute belegt. Alternierend bleibt die Fohlenelf entweder “unter ihren Möglichkeiten” oder sie kassiert “unglückliche Niederlagen”. Abgesehen davon, dass nur Menschen “unglücklich” sein können und nicht Dinge, ist diese Ansicht durchaus legitim. Sie führt zu dem Fazit: Borussia hat das Potenzial einer Spitzenmannschaft und ruft dieses Potenzial zu selten ab. Gemessen am Potenzial ist das bisherige Abschneiden also eher enttäuschend. Erkenntnis: -> Misserfolg.

Die Minderheitsmeinung besagt, dass Borussia keineswegs “unter ihren Möglichkeiten” bleibt, sondern schlichtweg nicht mehr Möglichkeiten hat. Sie besagt außerdem, dass Borussia vom Potenzial her bestenfalls Bundesliga-Durchschnitt repräsentiert und dass das bisherige Abschneiden sehr gut ist, weil die Fohlenelf ihren Möglichkeiten gerecht wird und weit von der Abstiegszone entfernt ist. Gemessen am Potenzial ist das bisherige Abschneiden also sehr zufriedenstellend. Erkenntnis: -> Erfolg.

Wer gelegentlich meine Beiträge liest, der weiß, welche Meinung ich vertrete. Borussia ist Bundesliga-Durchschnitt, spätestens seit dem Weggang von Granit Xhaka. Nicht mehr und nicht weniger. Da jedoch in der Bundesliga die Grenze zwischen Durchschnitt und Abstiegszone seit Jahren zusehends verschwimmt, gehören wir vor jeder Saison potenziell zu den abstiegsgefährdeten Mannschaften. In den Jahren der Prosperität und des Wachstums zwischen 2011 und 2015 wurde es versäumt, den Kader substanziell zu verstärken.

Weihnachten hatte ich mir vorgenommen, den Januar abzuwarten, bevor ich wieder etwas schreibe. Um zu sehen, ob ich mit meiner vor der Saison geäußerten Einschätzung hinsichtlich der Leistungsstärke meiner Borussia fundamental daneben liege. Glänzende 28 Punkte in einer Halbserie können einen schon mal ins Wanken bringen und den Blick vernebeln. Sind wir doch besser, stabiler, dominanter und kaltschnäuziger als gedacht, trotz der desaströsen Auftritte gegen Dortmund, Leverkusen und Wolfsburg?

Die Antwort auf diese Frage lieferten drei Zu-Null-Niederlagen in den ersten vier Rückrundenspielen. Nein, wir sind Durchschnitt und dürfen froh und stolz sein, in dieser Saison mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben. 11 Zähler Vorsprung auf den Abstiegsplatz, 13 Spiele vor Schluss, sollten allemal reichen – sofern wir noch zwei Mal gewinnen.

Warum also sind wir keine “Spitzenmannschaft”? Es sind vor allem drei Punkte, die uns von einer solchen unterscheiden:

1. Seltsame Spielidee
Wir wollen Ballbesitzfußball spielen, haben aber nicht die Spieler dazu. Es mangelt an technischem, taktischem und läuferischem Vermögen. Wir machen im Aufbau viel zu viele einfache Fehler.

2. Fehlender Sechser
Wir haben keinen spielgestaltenden Sechser mehr, der unserem Spiel irgendwie Struktur geben könnte, insbesondere in kritischen Phasen.

3. Fehlende Durchschlagskraft im Angriff
Der alles entscheidende Faktor.

Punkt 1 wird sich hoffentlich irgendwann von selbst erledigen, wenn auch der Letzte gemerkt hat, dass diese Idee unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht funktioniert. Punkt 2 habe ich fälschlicherweise lange Zeit für unser größtes Manko gehalten. Nein, das was uns wirklich von einer Spitzenmannschaft unterscheidet, ist Punkt 3. Der Angriff.

Seit zwei Jahren wiederhole ich hier gebetsmühlenartig, dass unser Konzept mit zu Stürmern umfunktionierten Mittelfeldspielern zum Scheitern verurteilt ist. Es kommt mir vor, wie ein Relikt aus dem Fußball-Mittelalter. Es funktionierte eine Zeit lang ganz gut. Zumindest in der Bundesliga. Im Europapokal dagegen überhaupt nicht.

Inzwischen ist die Abschlussschwäche gravierend. Sobald einer unserer Spieler allein vor dem Tor auftaucht, erfasst ihn die pure Panik. Angesichts dessen, überwiegt bei mir das Mitleid meist den Ärger. Resultat: In puncto Torquote, also Chancenverwertung, rangieren wir auf dem 11. Platz, knapp vor Augsburg, Freiburg und Mainz. Tendenz: fallend. (Quelle: transfermarkt.de, Stand: 4.2.18)

Hohe Flanken aus dem Spiel heraus sind seit langem verpönt, Kopfballtore erzielen bei uns nur Abwehrspieler nach Standardsituationen. Glücklicherweise möchte man hinzufügen, dann sonst hätten wir etliche Punkte weniger. Ein Drittel (!) unserer 30 Saisontore haben Abwehrspieler erzielt. Das spricht Bände.

Raffael ist über seinen Zenit hinaus, oft verletzt und überhaupt alles andere als ein klassischer Strafraumstürmer. Stindl ist für uns ein wichtiger Mann, rennt jedoch seit dem Sommer seiner Form aus der vergangenen Saison hinterher. Hazard ist fleißig, aber im Abschluss immer noch nicht kaltschnäuzig genug. Ich habe meine Zweifel, ob aus ihm jemals ein Torjäger wird.

Und das war’s dann auch schon. Herrmann hat seit seinen schweren Verletzungen nie wieder zu alter Form gefunden, Grifo und Hofmann geben weiterhin Rätsel auf. Wir haben zwar drei gelernte Stürmer im Kader (Drmic, Bobadilla, Villalba), aber die sind wechselweise verletzt oder sitzen zur Dekoration auf der Bank. Warum sitzen sie dort? Vermutlich deshalb, weil sie nicht gut genug sind für die Bundesliga. Oder weil wir aus ideologischen Gründen einfach keinen “Neuner” haben wollen, denn auf einen Mittelstürmer musst du dein Spiel ein Stück weit zuschneiden. Also, warum haben wir dieses Trio eigentlich unter Vertrag?

Und da das alles niemanden interessiert, obwohl es so offentlichtlich ist, wurschteln wir uns halt so durch. In dieser Saison wird uns das wieder gelingen.

Ich erwarte von meiner Mannschaft in den kommenden Monate noch ein paar schöne Spiele, ein paar unterhaltsame Stunden und idealerweise ein paar Siege. Aber ich erwarte von ihr keine Europacup-Platzierung. Zumal die Europa League aus meiner Sicht ohnehin extrem unattraktiv ist.