Fußballfan sein ist kein Ponyhof

von Thorsten Cöhring am 18. März 2018

Familiär verabschiedet wurde ich am Samstagmittag mit den Worten: “Willst du dir das wirklich antun?”. Ich setzte meine grimmigste Chuck-Norris-Miene auf und ließ beiläufig die Bemerkung fallen: “Fußballfan sein ist kein Ponyhof.”

Du schlägst dich mit der Machete durch den dichten Dschungel. Du triffst gelegentlich auf unzivilisierte Eingeborenenstämme, die bunte Fackeln anzünden, weil sie keine Elektrizität kennen. Du erklimmst zehn Kilometer hohe Berge. Und du stürzt 500 Meter tief Klippen hinunter.

Nein, Fußballfan sein ist nichts für Weicheier!

Wo war ich? Ach ja, beim Wetter. Selten habe ich in einem Fußballstadion so gefroren.

Daran konnte auch der aufopferungsvolle Kampf nichts ändern, den unser letztes Häuflein der Aufrechten dem Europacup-Aspiranten Hoffenheim lieferte. 3:3 hieß es am Ende, nach dreimaligem Rückstand. Fast bin ich geneigt zu sagen: Wir haben 3:3 gewonnen. Denn gewöhnlich holen wir ja keinen Punkt mehr, sobald wir 0:1 zurückliegen.

Halten wir fest: Vestergaard, Kramer, Grifo, Oxford, Zakaria, Traore, Strobl, Benes, Villalba und Doucoure verletzt; Raffael, Wendt und Johnson nach langer Verletzung erstmals wieder im Kader. Und nach 20 Minuten lag schon wieder einer auf dem Rasen und fasste sich an den Oberschenkel (Bobadilla). Gibt es eine Steigerung von Wahnsinn?

Borussia hat also erwartungsgemäß an diesem ungemütlichen Winternachmittag wieder nicht gewonnen, aber das Spiel als solches hatte einen nicht unerheblichen Unterhaltungswert. Das hatte auch einen ersichtlichen Grund. Dass sich Hoffenheims Abwehr hartnäckig weigerte am Spiel teilzunehmen, fand ich durchaus akzeptabel. Dass sich aber auch unsere Defensive über weite Strecken dieser Haltung anschloss, fand ich weniger amüsant.

Wobei alle drei Hoffenheimer Treffer irgendwie zu dieser skurrilen Saison passen. Beim 0:1 (13.) kam Hübner nach einer Ecke völlig unbedrängt zum Kopfball. Wie übrigens vor zwei Wochen auch Bremens Delaney. Vielleicht könnte man Standard-Zuordnungen nochmal im Training besprechen… Dem 1:2 durch Kramarics Elfmeter (58.) war ein geradezu tölpelhaftes Foul von Hofmann vorausgegangen, der auf der ungewohnten “Sechs” ansonsten eines seiner besseren Spiele für Borussia ablieferte. Und das 2:3 durch Grillitsch (73.) bereitete Schiedsrichter Petersen vor, der dem im Ballbesitz befindlichen Hofmann einfach nur den Weg versperrte.

Trotz allem hätte die Fohlenelf dieses Spiel fraglos gewinnen können. 23:13 Torschüsse sprechen eine klare Sprache. Aber über die Abschlussschwäche müssen wir kein Wort mehr verlieren. Immerhin gelangen uns drei Tore in einem Spiel, so viel wie gefühlt seit 50 Jahren nicht mehr. Und seit mehr als einer halben Saison wurde ein Videobeweis mal wieder zugunsten von Borussia gewertet – bei Drmics 1:1 (33.). Endlich schloss auch Stindl wieder mit Köpfchen statt Urgewalt ab – beim 2:2 (72.). Und Innenverteidiger Ginter plakatierte unsere Offensivschwäche, indem er sich mit dem 3:3 (90.) zum drittbesten “Torjäger” unseres Teams aufschwang.

Die letzte Länderspielpause steht an. Selten war sie notwendiger als jetzt. Wenn wir in zwei Wochen in Mainz nicht verlieren, ist der Klassenerhalt perfekt. Über alles andere mache ich mir keine Gedanken mehr. Denn Fußballfan sein ist kein Ponyhof.

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