Bizarre Auswüchse

von Thorsten Cöhring am 22. April 2018

Leider habe ich das Freitagspiel gegen Wolfsburg verpasst. Im Nachhinein habe ich mir nur die Tore zum 3:0 angesehen. Und war mal wieder angetan von Kramers Schlitzohrigkeit. Wie ich hörte, hat Borussia gut gespielt, zumindest in der ersten Halbzeit. Darüber freue ich mich, wenngleich es für den weiteren Saisonverlauf keine Relevanz mehr besitzt. Um noch eine kleine Chance auf die Europa League zu haben, müssten wir die restlichen drei Spiele gewinnen. Und das übersteigt bei weitem mein Vorstellungsvermögen.

Nach den bizarren Auswüchsen der vergangenen Wochen und Tage, gipfelnd in der skurrilen Halbzeitposse beim Spiel Mainz – Freiburg, möchte ich noch einmal auf das Thema Videobeweis zurückkommen. Und zwar deshalb, weil sich jetzt plötzlich auch das Zentralorgan des deutschen Fußballs, der “kicker”, dem Thema kritisch widmet.

Ich habe zum “Video Assistent Referee” (VAR), wie er neuerdings heißt, eine dezidierte Meinung, die jeder kennt, der hier gelegentlich meine Beiträge liest. Vor acht Monaten, am 23. August 2017, habe ich im Blog-Post “Derbysiegerwoche” geschrieben:

“Zum Videobeweis sage ich übrigens nur den einen Satz, den ich seit Jahren wiederhole: Er raubt dem Fußballsport seine Seele. Fußball ist ein einfaches Echtzeitspiel, das von Fehlern der Spieler, der Trainer und der Schiedsrichter lebt. Wer das in Frage stellt, liebt den Fußball nicht und hat ihn nicht verstanden.”

Vor drei Tagen, am 19. April 2018, betitelte kicker-Chefredakteur Jörg Jakob einen Kommentar mit “So verliert der Fußball seine Seele” und schrieb unter anderem:

“…Technokratie und Spitzfindigkeit führen Regie. Ist das noch der Fußball, den wir lieben? Es hieß, es sei so viel Geld im Spiel, dass es technische Hilfsmittel braucht. Doch jetzt sieht es in vielen Bereichen des Geschäfts ganz danach aus, dass es den Fußball viel teurer kommt: Er verliert seine Seele.”

Es war alles so schrecklich vorhersehbar. Insbesondere dann, wenn man sich zwei Aspekte vor Augen hält.

1. Viele Fußballregeln sind nicht eindeutig oder zumindest auslegbar. Das beginnt beim Abseits (welches Körperteil ist entscheidend), geht über Handspiel (Absicht oder nicht) bis hin zum Strafmaß (Gelbe oder Rote Karte). Gleichzeitig wird aber vom Videobeweis 100-prozentige Eindeutigkeit erwartet. Die kann er nicht leisten. Für weniger als 100 Prozent brauchst du aber keinen VAR, das kann der Feldschiedsrichter auch. Das musste JEDEM Videobeweis-Fetischisten schon vor Einführung dieses Irrsinns klar sein.

2. Viele Situationen lassen sich definitiv nur in der realen Geschwindigkeit auf dem Rasen beurteilen. Beispiel 1: Handspiel. Wenn du technokatisch ein Standbild oder eine Superzeitlupe zu Rate ziehst, ist natürlich der Ball am Arm oder an der Hand. Aber wie es dazu kommen konnte, die Entstehung, siehst du nicht. Ein Feldschiedsrichter trifft diese Entscheidung oft nach Gefühl. Und zwar deshalb, weil es nicht anders geht. Beispiel 2: Bestrafung. Wenn ein Spieler grätscht, spielen mehrere Aspekte eine Rolle: Aus welcher Richtung kommt er, mit welcher Geschwindigkeit kommt er – und: ist der Spieler schon vorher durch besondere Aggressivität aufgefallen? Oftmals kumuliert der Feldschiedsrichter ja auch Vergehen, beispielsweise zu einer Gelben Karte, die er mit der Hand abzählt. Das alles ist nur im realen Zeitablauf beurteilbar.

Es ließen sich noch eine Fülle weiterer Beispiele aufführen. Was ich damit nur sagen will: Fußball ist ein “Fehlerspiel”. Das macht seinen einzigartigen Reiz aus.

Insgeheim hoffe ich, dass die bevorstehende Weltmeisterschaft im Videobeweis-Chaos versinkt. Vor der gesamten Weltöffentlichkeit. Vielleicht besteht dann ja noch eine geringe Hoffnung, dass wir die Totengräber des Fußballs selbst zu Grabe tragen können.

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