Der (Pseudo-)Klassiker

von Thorsten Cöhring am 15. April 2018

Meine liebe Frau (Bayern-Fan) sagte am Freitag den Satz: “Morgen ist wieder der Klassiker.” Dazu muss man wissen, dass wir beide unsere Jugend in den 70er-Jahren verbracht haben. In einer Zeit also, als es im deutschen Fußball nur zwei Mannschaften gab: Bayern und Borussia. Seitdem ist diese Begegnung für sie “der Klassiker”. Ich empfinde das als schön, nett und auch als ein bisschen schmeichelhaft.

Die Wahrheit aber ist eine ganz andere. Die Bundesliga ist die einzige Top-Liga in Europa, in der es keinen “Klassiker” gibt. Ein Klassiker ist für mich, wenn sich zwei Clubs über einen langen Zeitraum auf Augenhöhe begegnen. Ein Blick auf die vergangenen 50 Jahre verrät: In Deutschland gibt es nur eine Mannschaft. Bayern München. Und zu einem Klassiker gehören nun mal zwei. Es gab immer mal Mannschaften, die über einen kurzen Zeitraum sporadisch Paroli bieten konnten. Erst Borussia, später Hamburg, Bremen und Dortmund. Wenn du also einen deutschen Klassiker künstlich erschaffen willst, dann wird der jeweilige Bayern-Kontrahent durch dein eigenes Geburtsjahr determiniert. So wie bei uns.

So viel also zur Legende des Klassikers, die gestern anlässlich des 100. Bundesliga-Duells zwischen Bayern München und Borussia Mönchengladbach neue Aktualität erfuhr. Wir haben von diesen 100 Spielen 23 gewonnen und 48 verloren. Eine Bilanz, die uns noch nicht einmal zum “Angstgegner” (noch ein Lieblingsbegriff meiner Liebsten) qualifiziert.

Selbstverständlich ist unsere 1:5-Abfuhr keine Überraschung. Wenn die Bayern in siegeshungriger Spiellaune sind, dann kriegst du dort ein halbes Dutzend. Egal, ob gegen die “A”-Mannschaft oder, wie wir gestern, gegen die “B”-Mannschaft. Da geht es Mönchengladbach nicht anders als Dortmund und allen anderen.

Gelegentlich flackert bei der Fohlenelf in dieser Saison so etwas wie Qualität auf. Zum Beispiel gestern in der ersten Viertelstunde, als wir durch Drmics schönen Treffer (9.) 1:0 führten. In der restlichen Spielzeit allerdings war ich geneigt, umgehend eine oder mehrere Kerzen anzuzünden. Aus Dankbarkeit für die punktereiche Hinrunde, die uns in dieser Saison vor dem Schlimmsten bewahrt hat. Erst in der 80. Minute war ich einigermaßen beruhigt, dass wir nicht mehr zweistellig verlieren würden. Die Bayern ließen Fünfe gerade sein (Wagner 37. und 41., Thiago 51., Alaba 67., Lewandowski 82.).

Noch vier Spiele. Nach unten kann nichts mehr anbrennen, nach oben ist der Zug abgefahren. Wir werden die Saison irgendwo zwischen Platz 8 und 13 beenden. Was momentan besonders auffällt: Wir haben die fünftschlechteste Tordifferenz aller 18 Bundesligisten (39:48). Nur Freiburg, Mainz, Hamburg und Köln sind noch schlechter. Ein deutliches Indiz dafür, dass wir in keiner Kategorie mehr im “grünen Bereich” sind. Spielerqualität, Kadermischung, Teamchemie, Spielsystem – überall gibt es unübersehbare Defizite. Und das hat nichts mit der Verletzungsseuche zu tun, denn wir haben mindestens 23 Spieler auf annähernd dem gleichen, durchschnittlichen Niveau.

Diese Saison war ein Schuss vor den Bug zur rechten Zeit. Ich kann nur hoffen, dass ihn alle Verantwortlichen gehört haben. Ich möchte auch in der Saison 2019/20 von meiner lieben Frau noch den Satz hören: “Morgen ist wieder der Klassiker.”

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: