Schmerzen

von Thorsten Cöhring am 8. April 2018

Am Freitag hatte ich eine knapp zweistündige Sitzung beim Zahnarzt. Am Samstag hatte ich eine knapp zweistündige Sitzung im Borussia-Park. Schwer zu sagen, was schmerzhafter war. Bis eine Viertelstunde vor Ende des Spiels gegen Hertha BSC hätte ich gesagt: “Vielleicht war’s beim Zahnarzt doch gar nicht so schlimm.” Und dann – tja, wie soll man das erklären…

Es war eines dieser merkwürdigen Fußballspiele, nach dessen Abpfiff du dich fragst: “Wie, zum Teufel, ist dieses Ergebnis zustande gekommen?” Wir hätten 0:5 verlieren müssen und haben 2:1 gewonnen. Gut, ich kenne das auch anders herum. Gegen Dortmund hätten wir 5:0 gewinnen müssen und haben 0:1 verloren. Glücklicherweise ist die Seele des Sports unergründlich.

Eigentlich ging es um nichts mehr. Der Klassenerhalt stand nach dem Remis in Mainz fest, der Zug Richtung Europa ist für uns so gut wie abgefahren. Ein typisches Spiel um die “Goldene Ananas”. Das nutzte die Fohlenelf für Anschauungsunterricht. In der unterirdischen ersten Halbzeit demonstrierte sie den 51.500 Zuschauern lehrbuchhaft, wie Ballbesitzfußball a la Borussia Mönchengladbach funktioniert. Er setzt sich im Wesentlichen aus drei Komponenten zusammen: a. Rückpässe, b. Ballverluste im Aufbau, c. null Zug zum gegnerischen Tor.

Freundlicherweise massakrierte uns Hertha nicht. Mit zunehmender Freude versemmelten die Berliner Angreifer eine 100-prozentige Torchance nach der anderen. Statt 0:5 hieß es Mitte der zweiten Halbzeit nur 0:1 (Kalou, 40.). Nach dem Spiel habe ich einige Male darüber sinniert, was wohl im Park los gewesen wäre, wenn wir wirklich abgeschossen worden wären. Und das eine Woche vor der Jahreshauptversammlung…

Nun ja, es kam anders. Der nach der Pause eingewechselte Hazard erzielte das 1:1 (75.) und verwandelte einen Foulelfmeter zum 2:1 (79.). Wobei es mir ein Rätsel ist, wie die bestens postierte Schiedsrichterin Steinhaus das glasklare Foul von Lustenberger an Elvedi nicht sehen konnte, stattdessen erst der Video-Schiedsrichter eingreifen musste. Ist auch egal. Ein dreckiger Sieg also vor dem Gastspiel beim Meister in München. Dort ist Stindl nach der 5. Gelben Karte gesperrt. Ein sehr passender Moment… 😉

Viel interessanter als das Spiel war kurz vor Mitternacht “Das aktuelle Sportstudio” im ZDF. In selten gehörter Offenheit übte Sportdirektor Max Eberl Kritik und vor allem Selbstkritik. Richtig spannend wird das Interview ab Minute 12:28: “Ich habe Fehler gemacht, der Trainer hat Fehler gemacht, die Spieler haben teilweise ihre Leistung nicht gebracht.” Und dann die alles entscheidende Frage: “Welche Lehren ziehen Sie daraus im Hinblick auf die neue Saison?”

Ja, das ist die Frage aller Fragen! Immerhin ist der Erkenntnisprozess so weit fortgeschritten, dass die “Mischung des Kaders” nicht stimmt, dass “andere Spieler” hätten geholt werden sollen, dass Borussia “berechenbar geworden” ist und dass wir “unser Spiel ein Stück weit anders anlegen müssen”.

Diese Aussagen senden zumindest hoffnungsvolle Signale, denn sie deuten darauf hin, dass die Grundprobleme erkannt worden sind. Wie ich hier bereits seit zwei Jahren schreibe: Wir brauchen dringend Verstärkungen, aber ganz dringend einen erstklassigen Neuner und einen strategischen Sechser. Vielleicht brauchen wir auch einen anderen Trainer. Mein Vertrauen in Hecking hat gelitten. In der Nordkurve ist sein Kredit nahezu vollständig aufgebraucht.

Wir werden sehen, ob Max Eberl aus den richtigen Erkenntnissen die richtigen Schlüsse zieht. Falls nicht, finden wir uns nächste Saison im Abstiegskampf wieder. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Abschließend noch eine Anmerkung, die mir persönlich wichtig ist. Für das Pfeifkonzert gegen die eigene Mannschaft habe ich mich schon fremdgeschämt. Aber die unflätigen, sexistischen Schmährufe gegen Schiedsrichterin Steinhaus fand ich schlichtweg nur zum Kotzen! Das ist nicht Borussia Mönchengladbach!

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