Wohin wollen wir?

von Thorsten Cöhring am 14. Mai 2018

Borussia Mönchengladbach hat die Saison 2017/18 mit einer 1:2-Niederlage beim Absteiger Hamburger SV beendet. Das bedeutet in der Abschlusstabelle: 9. Platz. Wie im Vorjahr, mit zwei Punkten mehr. Fast eine Blaupause. Auch das Torverhältnis ist nahezu identisch. Damit haben wir mein persönliches Minimalziel (Klassenerhalt) ebenso erreicht wie die Vorgabe des Managements (“einstelliger Tabellenplatz”). Also alles im grünen Bereich, könnte man annehmen. Dem ist aber keineswegs so.

Wenn ich so meine Gespräche der letzten Wochen und die Reaktionen in den Borussia-Foren und sozialen Netzen Revue passieren lasse, dann drängt sich der Eindruck auf, am Niederrhein sei in einem schleichenden Prozess das Abendland untergegangen.

Paradox, oder?

Mitnichten. Denn meist unausgesprochen waberte eine ganz andere Erwartung an die Mannschaft durch die Gegend: Die Qualifikation für den Europapokal. Eine Erwartung, die DIESE Mannschaft, in ihrer gegenwärtigen Konstellation, nicht erfüllen konnte. Und das lag nicht etwa an den misslichen “Umständen”.

An einem Samstagabend im September spielte folgende Fohlenelf: Sippel – Elvedi, Ginter, Vestergaard, Wendt – Kramer, Zakaria – Johnson, Hazard – Stindl, Raffael. Also fast alles, was Borussia Mönchengladbach an Top-Spielern zur Verfügung hat. Diese Elf verlor in Dortmund 1:6. Es komme mir also keiner mit dem Argument, allein das groteske Verletzungspech habe uns die gesamte Saison verhagelt.

Es stimmt etwas nicht in der Mannschaft. Und es ist die Aufgabe der sportlich Verantwortlichen, dieses Manko zu identifizieren und zu beseitigen. Aus meiner Sicht sind wir auf Schlüsselposionen zu schwach besetzt (Außenverteidiger, defensives Mittelfeld, Angriff) und unsere Spielanlage gehört ins archäologische Museum. Rückwärtsorientierter Ballbesitzfußball entlang der Mittellinie hat keine Zukunft. Ohne Anspielstation auf der “Neun” bist du damit komplett aufgeschmissen. Echt seltsam, dass das niemand bemerkt. Ein paar Jahre lang hat Borussias Stil in der Bundesliga funktioniert, inzwischen ist er komplett dechiffriert.

“Tiki-Taka” ist ohnehin eine aussterbende Spezies. Die Tendenz im internationalen Fußball geht eindeutig zu einfachem, pragmatischem Spiel. Aus einer stabilen Abwehr möglichst rasch das Mittelfeld überbrücken, um schnell in Abschlusspositionen zu kommen. In dieser Saison in der Bundesliga geradezu lehrbuchrreif demonstriert von Schalke, Hoffenheim, Leverkusen und (in der Rückrunde) Stuttgart. Historisch gesehen ist das klassisch italienischer Stil, der auch die Basis für Borussias Erfolge in den 70er Jahren bildete.

Vermutlich wird Max Eberl in kommenden Interviews wieder darauf hinweisen, dass Borussia Mönchengladbach neben Bayern München und Borussia Dortmund der einzige Club der Bundesliga ist, der in den vergangenen sieben Spielzeiten immer einen einstelligen Tabellenplatz belegt hat. Aber was sagt uns dieser Fakt? Sind wir dauerhaft damit zufrieden? Und wohin zeigt der Tendenzpfeil?

Wir zählen mittlerweile vor jeder Saison zu den potentiell abstiegsgefährdeten Vereinen. Um das zu erkennen, braucht es noch nicht einmal den Blick auf die Vorrunde 16/17 und die Rückrunde 17/18. Irgendwann wird es uns erwischen, wenn wir nicht massiv gegensteuern. “Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen” ist ein weiterer Lieblingssatz von Max Eberl. Im Moment habe ich allerdings das Eindruck, dass wir gerade auf dem Rückweg dorthin sind, wo wir herkommen.

Mein Gefühl sagt, dass Borussia Mönchengladbach im Sommer 2018 am Scheideweg steht. Ist es unser Ziel, künftig bei den “Großen” mitzuspielen? Oder wollen wir auf immer und ewig der “kleine Underdog vom Niederrhein” bleiben?

Wenn wir den deutschen Spitzenfußball einmal genauer unter die Lupe nehmen und das Potential der Vereine in Kategorien clustern, ergibt sich für mich folgendes Bild.

Kategorie 1: Internationale Spitze
Bayern München
Merkmale: Können in puncto Gehalt und Transfervolumen mit jedem Top-Club dieser Welt mithalten

Kategorie 2: Nationale Spitze
Borussia Dortmund, Schalke 04
Merkmale: Hohes Gehaltsniveau; in der Lage, Transfers bis zu einer Größenordnung von mindestens 30 Mio. Euro zu stemmen; Dauergäste in internationalen Wettbewerben
Bayer Leverkusen, RB Leipzig, 1899 Hoffenheim
Merkmale: Gehören zu Großkonzernen bzw. Großsponsoren, von daher auf ähnlichem Niveau wie Dortmund oder Schalke

Kategorie 3: Mittelmaß
3.A. “High Potential” Clubs
Borussia Mönchengladbach, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC, VfB Stuttgart, Hamburger SV, 1. FC Köln
3.B. “Mid Potential” Clubs
Werder Bremen, Hannover 96, Fortuna Düsseldorf , 1. FC Nürnberg
3.C. “Low Potential” Clubs
FC Augsburg, Mainz 05, SC Freiburg, Arminia Bielefeld, VfL Bochum, MSV Duisburg, Dynamo Dresden, Eintracht Braunschweig, 1. FC Kaiserslautern

Alle anderen sind für mich irgendwo “Wanderer zwischen den Welten”, also Clubs mit temporären Aufs und Abs, meistens unterhalb der Bundesliga.

Diese Klassifizierung ist natürlich rein subjektiv, ohne jede empirische Basis und unabhängig von aktuellen Platzierungen. Es geht mir ausschließlich um die Wachstumschancen. Und ganz wichtig: Die Einschätzung geht vom Fortbestand der “50+1”-Regel aus. Sobald “50+1” gekippt wird, werden die Karten ohnehin komplett neu gemischt. Dann wird unterschieden zwischen denen, die ihre Seele zugunsten des Erfolgs verkaufen, und denen, die ihre Seele behalten und dafür sportlichen Misserfolg in Kauf nehmen.

Borussia ist für mich die Nr. 1 unter den “High Potentials”, knapp vor Köln und Hamburg. Weil wir eigentlich alles mitbringen, um in Kategorie 2 vorzustoßen: Eine fabelhafte Marke, basierend auf großer Tradition, ein tolles Stadion, einen großen Einzugsbereich bis nach Holland und Belgien, eine beeindruckende Fan-Basis, eine vorzügliche Infrastruktur und ein verlässliches Management. Das sollte uns für strategische Partner im In – und Ausland hochgradig attraktiv machen.

Der Blick auf die aktuellen Zahlen im Geschäftsjahr 2017 ist beeindruckend:

  • Umsatz: 179,3 Mio. Euro Umsatz
  • Jahresgewinn nach Steuern: 6,56 Mio. Euro
  • Eigenkapital: 94,8 Mio. Euro
  • Eigenkapitalquote: 46,8 Prozent
  • Mitgliederzahl: 83.350
  • Dazu eine prima Infrastruktur mit Jugend-Internat, optimalen Trainingsbedingungen sowie demnächst Hotel und Museum.

Was brauchst du mehr, um einen Schritt Richtung Wachstum zu machen? Nichts. Oder halt, doch… Du brauchst

M U T

Den Mut, auch einmal Spieler einer Qualitätsstufe zu holen, die möglicherweise das bisherige Gehaltsgefüge nach oben verschieben. Kurz gesagt: unternehmerischen Mut zum Risiko.

Wenn ich die Zeichen der Zeit richtig deute, dann werden wir den nächsten Entwicklungsschritt leider nicht tun. “Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen.” – “Wir setzen weiterhin auf junge Spieler.” – “Unser Ziel ist ein einstelliger Tabellenplatz.” Und so weiter. Alles Aussagen, die nicht von gestiegenem Selbstbewusstsein zeugen.

Wir werden also vermutlich weiterhin ein kleiner Club der großen verpassten Möglichkeiten bleiben. Deshalb sollte sich am Ende des Tages niemand wundern, wenn wir tatsächlich dorthin zurückkehren, wo wir hergekommen sind. Hamburg und Köln lassen grüßen.

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