Vor dem Start 2018/19

von Thorsten Cöhring am 12. August 2018

Mit dem Pokalspiel beim Bremer Oberligisten BSC Hastedt beginnt am Sonntag für Borussia Mönchengladbach die Saison 2018/19. Was hat sich in den vergangenen 13 Wochen rund um den Borussia-Park getan?

Personell erstaunlich wenig (Stand heute). Erstaunlich deshalb, weil es ein WM-Sommer war, der gewöhnlich das Wechselkarussel mächtig in Schwung bringt. Yann Sommer, Thorgan Hazard, Josip Drmic, Patrick Herrmann – alle noch da. Erfreulicherweise. Aus dem Stammkader der vergangenen Saison fehlen nur drei Namen. Richtig weh tut der Verlust von Innenverteidiger Jannik Vestergaard, eine der wichtigsten Abwehrsäulen der abgelaufenen Spielzeit. Weniger ins Gewicht fallen die Abgänge von Vincenzo Grifo, der sich nie durchsetzen konnte und Edelreservist Raul Bobadilla, der uns nicht mehr weiterhelfen konnte.

Gekommen sind dafür ein halbes Dutzend neue Gesichter. Mit Alassane Pléa aus Nizza ein echter Mittelstürmer, mit Michael Lang aus Basel ein gestandener Rechtsverteidiger und mit dem zuletzt an Düsseldorf verliehenen Florian Neuhaus ein zentraler Mittelfeldspieler mit Spielmacherpotential. Außerdem mit Andreas Poulsen, Keanan Bennetts und Torben Müsel drei junge Perspektivspieler. Ob Max Eberl bis Ende August noch einen weiteren Innenverteidiger holt, bleibt abzuwarten.

Es gab in den vergangenen Wochen kaum einen Bericht über Borussia, in dem nicht die Rede davon war, dass Trainer Dieter Hecking das Spielsystem auf ein 4-3-3 umstellen will.

Das überrascht und irritiert mich. Ein 4-3-3 klassisch niederländischer Prägung, mit einem Strafraumstürmer, zwei flankenorientierten Außenstürmern und einem Sechser sowie zwei Achtern im zentralen Mittelfeld, ist das offensivste System, das heutzutage noch gespielt wird. Um genau zu sein, gehört diese Formation eigentlich nur bei Real Madrid und FC Barcelona zum taktischen Standard-Repertoire. Da wir aber nicht Real oder Barca sind, laufen wir Gefahr, pausenlos nach allen Regeln der Kunst ausgekontert zu werden. Ein 4-3-3 kann und wird also nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Für uns bietet sich eher ein gängiges 4-2-3-1 an. Oder, speziell auswärts, ein laufintensives 4-5-1, das noch mehr auf Überzahl in Ballnähe, Balleroberung und kompromissloses Umschaltspiel setzt.

Wie auch immer: Ein Systemwechsel ist das Gebot der Stunde. Seit zwei Jahren schreibe ich hier gebetsmühlenartig, dass unser unproduktiver Ballbesitzfußball entlang der Mittellinie, mit Rückpässen bis zur totalen geistigen Erschöpfung, auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Spätestens die Weltmeisterschaft hat gezeigt, dass die Tiki-Takerer der Vergangenheit inzwischen damit keinen Blumentopf mehr gewinnen. Die Tendenz geht seit Jahren zu diszipliniertem und konsequentem Abwehrverhalten – und daraus resultierend zu klarem, gradlinigen Angriffsspiel. Flanken erleben eine Renaissance, wer im offensiven Kopfballspiel nicht gut ist, hat so gut wie keine Chance mehr.

Allerdings nutzt dir auch kein neues System, wenn du die veränderte Spielphilosophie nicht in die Köpfe der Spieler bekommst. Es geht darum, bestimmte taktische Mittel wieder aufleben zu lassen, die bei Borussia völlig abgeschafft waren. Steilpässe zum Beispiel, das schnelle Überbrücken des Mittelfelds. Oder das Spiel über die Flügel mit hohen Flanken in den Strafraum. Dieser notwendige Mut wird vielleicht manchen Spieler überfordern, der über Jahre im Sicherheitsdenken gefangen war und überwiegend Quer- oder Rückpasse spielte. Und das wirklich neue Element ist der “Neuner”, der entsprechend ins Spiel gebracht werden muss.

Mal sehen was passiert, wenn diese Veränderung in den ersten Wochen der Saison nicht wie erhofft funktioniert. Was nicht gerade unwahrscheinlich ist. Ob das Umfeld dann die Nerven behält?

Ich weiß nicht, was die Mannschaft selbst von sich erwartet. Ich weiß auch nicht, was das Management von der Mannschaft erwartet. Ich erwarte von meiner Mannschaft das, was ich seit 20 Jahren vor jeder Saison von ihr erwarte: den Klassenerhalt. Alles darüber ist Bonus.

Wobei es in der Bundesliga ja inzwischen nur noch zwei Biotope gibt. Das Land, in dem die prallgefüllten Fleischtöpfe vor sich hin köcheln (Platz 1 bis 7). Und das Land, in dem die goldene Ananas gedeiht (Platz 8 bis 15). Zwei Jahre lang haben wir jetzt an der goldenen Ananas genascht und dabei gemerkt, dass die gar nicht mal so gut schmeckt. Aber ob wir es bis zum Fleisch schaffen? Ich habe meine Zweifel. Die Konkurrenz unter den mittelmäßigen Bundesligaclubs schläft nicht und rüstet entsprechend auf.

Wenn der angepeilte Spielsystemwechsel einigermaßen reibungslos funktioniert, die Fohlenelf wieder attraktiveren Fußball spielt und am Ende ein Mittelplatz dabei herausspringt, kann ich damit gut leben.

Der letzte Test gestern gegen Espanyol Barcelona (1:3) verlief allerdings reichlich ernüchternd. Offensiv keine Ideen, defensiv viele Fehler. Beunruhigend auch, dass Mittelstürmer Pléa “aus Gründen der Belastungssteuerung” überhaupt nicht im Kader war. Eine Woche vor dem Pflichtspielstart ist das einigermaßen irritierend. Zum jetzigen Zeitpunkt sollte er eigentlich nahezu topfit sein. Letztlich würde es mich nicht wundern, wenn unser Top-“Neuner” im Laufe der Saison Josip Drmic hieße.

Da die Pokalhürde nicht unüberwindlich erscheint, öffnet sich die Wundertüte erstmals am 25. August gegen Leverkusen. Ich bin gespannt, was drin ist… 🙂

Vorheriger Beitrag: