Eine Portion Realitätssinn, bitte!

von Thorsten Cöhring am 23. September 2018

2:4 bei Hertha BSC verloren. Geht jetzt die Welt unter? Vermutlich nicht. Es war eine völlig verdiente Niederlage. Und ein Paradebeispiel aus dem Fußball-Lehrbuch, wie es einer Mannschaft ergeht, die sich in ihrer verträumten Sorglosigkeit einem konzentrierten Abwehrverhalten verweigert.

Ich bin seit mehr als einem halben Jahrhundert Fan von Borussia Mönchengladbach. Eines unserer größten Probleme, und das betrifft das gesamte Umfeld, ist seit jeher der Hang zur Selbstüberschätzung. Eine Selbstüberschätzung, die mitunter ein erschreckendes Stadium der Maßlosigkeit erreicht. In dieser Beziehung werden wir vermutlich nur noch vom 1. FC Köln übertroffen. Ich will kurz erläutern, was ich aktuell damit meine.

1. Der Kader ist nicht besser besetzt als in der vergangenen Saison. Im Gegenteil. Mit Jannik Vestergaard ist einer wichtigsten defensiven Eckpfeiler weggebrochen. Ja, wir haben einige vielversprechende Talente, aber die sind noch weit davon entfernt, Leistungsträger zu sein. Warum also sollen wir plötzlich mehr sein als eine durchschnittliche Bundesligamannschaft? In der vergangenen Saison wurden wir Neunter und das entsprach dem Leistungsvermögen. Wenn es optimal läuft, können wir vielleicht an den letzten Europa-League-Plätzen schnuppern. Mehr aber auch nicht. Wenn es schlecht läuft, finden wir uns im Abstiegskampf wieder.

2. Der Systemwechsel war überfällig. Über unsere besondere stürmerlose Form des “Ballbesitzfußballs” habe ich mich in den vergangenen Jahren häufig genug ausgelassen. Unseren aktuellen Weg sehe ich allerdings ebenfalls kritisch, denn diese Spielanlage ist vom Prinzip her viel zu offensiv angelegt. Das muss in den kommenden Wochen dringend nachjustiert werden, sonst droht uns tabellarisches Ungemach.

Wer die 70er Jahre miterlebt hat, der weiß: Borussia war damals keine Mannschaft, die mit mitreißend-offensivem Kombinationsfußball alle Gegner über den Haufen gespielt hat. Unser Erfolgsrezept bestand immer aus herausragender Defensivstabilität, Laufstärke, Ballgewinn, blitzartigem Umschaltspiel und kaltschnäuziger Abschlussstärke. Diese überfallartigen Hochgeschwindigkeitskonter haben uns den Spitznamen “Fohlenelf” eingebracht. Das ist Teil der Borussia-DNA. Vielleicht sollten wir uns darauf gelegentlich besinnen.

3. Andere Mannschaften haben personell aufgerüstet und sind nach meiner Einschätzung an uns vorbeigezogen. Dazu zähle ich vor allem Hertha und Bremen, aber auch Frankfurt und Stuttgart schätze ich hoch ein.

4. Borussia Mönchengladbach anno 2018 ist nett, brav und sympathisch. Und genau das ist das Problem. Ein Mentalitätsproblem. Uns fehlt die Winner-Mentalität. Die Chance erkennen und den Sieg um jeden Preis wollen, das geht uns fast immer ab. Wenn es hart auf hart kommt, versinkt die Mannschaft in Selbstzufriedenheit über die Schönheit und Anmut ihres eigenen Spiels. Sehr oft jedenfalls. Zu oft.

Zusammengefasst: Ich will nicht alles schlecht reden, würde mich aber über etwas mehr Realitätssinn freuen. Es ist höchst erfreulich, dass sich Borussia in den vergangenen sieben Jahren wieder als konkurrenzfähiger Club auf Bundesliganiveau etabliert hat. Das ist wirklich beglückend nach all den Fahrstuhljahren zuvor. Ich genieße Siege meiner Fohlen, weiß aber auch, wo mit unserem aktuellen Kader die Grenzen sind. Borussia Mönchengladbach zählt zu den denjenigen Mannschaften in der Bundesliga, die für jeden Punkt hart und konzentriert arbeiten müssen.

Eine 2:4-Niederlage bei der starken Hertha aus Berlin ist folglich absolut “normal” und kein Grund, in Depression zu verfallen. Es gilt allerdings Lehren zu ziehen, was das Defensivverhalten der ganzen Mannschaft angeht (siehe 2.). Ungleich wichtiger ist das Spiel am Mittwoch gegen Frankfurt. Da muss ein Sieg her. Um jeden Preis (siehe 4.). Denn andernfalls werden uns nach den beiden folgenden Auswärtsspielen in Wolfsburg und München mit großer Wahrscheinlichkeit im Tabellenkeller wiederfinden.

Und eines noch zum Abschluss: Manche Tatsachen sind in ihrer Aussagekraft wirklich nicht zu überbieten. Wir haben zwar schon sieben Punkte geholt, aber zum dritten Mal in vier Spielen wurde unser Torhüter Yann Sommer von den eigenen Fans zum “Spieler des Spiels” gewählt. Noch Fragen?