Wünsch dir was

von Thorsten Cöhring am 16. September 2018

Wir haben in der gesamten Hinrunde kein einziges Heimspiel zur traditionellen Bundesliga-Anstoßzeit am Samstag um 15.30 Uhr. Logische Konsequenz der ausufernden Kommerzialisierung. Den Fußball, mit dem ich sozialisiert wurde, den gibt es bald nicht mehr. Lasst mich also ein bisschen träumen.

Alles, worüber jüngst diskutiert wurde, passt ins Bild. Der Versuch, aus der Nationalmannschaft eine „Marke“ zu machen; die Ankündigung der UEFA, unterhalb der Europa League noch einen weiteren Europapokal-Wettbewerb zu installieren; der Versuch von durchgeknallten Millionären, sich einen Traditionsclub unter den Nagel zu reißen und 50+1 zu kippen; die zersplitterten Terminierungen in der Bundesliga. Alles ziemlich deprimierend.

Warum überlasst lasst ihr uns Fans nicht ein Biotop, in dem wir das bekommen, was wir wollen: Urwüchsigen Fußball mit Bratwurstgeruch und bleifreiem Bier. Gründet endlich eine paneuropäische SRM-Liga. Eine Liga der Schönen, Reichen und Mächtigen. Mit Kaviarhäppchen und Champagner. Ich kann auf Bayern München bestens verzichten. Und Bayern auch auf mich.

Was ich mir wünsche, ist eine Traditionsliga. Mit Borussia, Dortmund, Schalke, Köln, Hamburg, Bremen, Hertha, Hannover, Frankfurt, Düsseldorf, Nürnberg, Stuttgart, Bielefeld, Dresden, Duisburg, Kaiserslautern, 1860 München, Braunschweig. Und noch ein paar anderen. Stimmungsvolle Nachmittage in vollen Stadien. Und die Betriebssportgruppen aus Leverkusen, Leipzig, Hoffenheim und Wolfsburg sollen sich von mir aus mit ein paar Gleichgesinnten in einer eigenen Liga organisieren.

Hach, was wäre das schön…

Wie ich überhaupt darauf komme? Gestern fand im Borussia-Park ein Klassiker der Traditionsliga statt. Borussia gegen Schalke. Volles Stadion, prickelnde Atmosphäre, zwei Fanlager in Hochform, ein mitreißendes Fußballspiel zweier nahezu gleichwertiger Mannschaften- und natürlich ein aus unserer Sicht prächtiges Ergebnis (2:1). Gestern wurde mir mal wieder klar, weshalb es sich lohnt, eine Dauerkarte zu besitzen.

Der Sieg der Fohlenelf war verdient, wenngleich wir Schalke eine Fülle an Torchancen spendierten. Nicht umsonst war Torhüter Yann Sommer der beste Mann auf dem Feld. Borussia hatte nicht weniger Torchancen, scheiterte aber ebenfalls oft an der fehlenden Konzentration und Abgebrühtheit. 15:16 Torschüsse zählte der kicker. Ein höchst unterhaltsamer Nervenzerrer.

Die Fohlenelf profitierte von der frühen Führung durch Ginter (3.) per Kopfball nach Hofmann-Ecke. Gefühlt war es das einzige Luftduell, das wir in diesen 90 Minuten gewannen. Herrmann (77.) machte mit dem 2:0 den Deckel drauf, ehe Schalke wenige Sekunden vor dem Abpfiff zum Anschlusstor durch Embolo kam (90.+3).

Viel mehr muss ich zu dem insgesamt guten Spiel von Borussia gar nicht sagen. Aber eines ist mir noch wichtig. Ich war total angetan von unserem neuen “Neuner”, Alassane Plea. Als Anspielstation, als Ballverteiler und als ständiger Unruheherd im Schalker Strafraum machte er ein bemerkenswert gutes Spiel. Er hatte einige Abschlüsse und war am zweiten Tor entscheidend beteiligt. Das macht wirklich Lust auf mehr! Hoffentlich bleibt er möglichst lange verletzungsfrei.

Am Samstag geht es nach Berlin und vier Tage später kommt Frankfurt. In diesen beiden Partien wird sich zeigen, ob wir unseren guten Saisonstart mit sieben Punkten aus drei Spielen “veredeln” können.

P.S.
Am vergangenen Donnerstag wäre Helmut Grashoff 90 Jahre alt geworden. Der Architekt unserer Borussia, wie wir sie heute kennen. Und der Borussia-Manager, mit dem ich aufgewachsen bin. Alle Borussen werden dich nie vergessen. R.I.P.