Freude, aber keine Euphorie

von Thorsten Cöhring am 7. Oktober 2018

Seit Jahren versuche ich vergeblich, meiner Liebsten (Bayern-Fan) ihre Theorie auszureden, die besagt: Borussia Mönchengladbach ist der “Angstgegner” von Bayern München. Gestern Abend, so gegen 19 Uhr, merkte ich plötzlich, dass mir die Argumente ausgehen.

Seit Beginn der “Borussia-Neuzeit” (Frühjahr 2011) haben wir von 16 Bundesligaspielen gegen Bayern sechs gewonnen, sieben verloren und drei Mal Unentschieden gespielt. Keine herausragend gute Bilanz, aber ich glaube kaum, dass ein anderer Bundesligist in diesem Zeitraum mehr Punkte gegen die bayerische Weltauswahl geholt hat.

Der 3:0-Triumph gestern in der Allianz-Arena war ein ebenso überraschender wie lehrbuchreifer Coup. Du kannst Bayern nicht in dem Sinne besiegen, dass du sie spielerisch dominierst. Du kannst Bayern nur dann schlagen, wenn du den Superstars die Lust am Fußball nimmst, bis zur totalen Erschöpfung gegen den Ball arbeitest, fehlerlos verteidigst und deine wenigen eigenen Chancen eiskalt nutzt.

Genau das ist gestern Abend in der Allianz-Arena passiert. Kapitän Lars Stindl bereitete bei seinem tollen Comeback nach sechsmonatiger Verletzungspause das 1:0 durch Pleas eleganten Schlenzer (10.) mit einem Ballgewinn gegen Süle vor, und machte das 2:0 (16.) nach einem Ballgewinn von Hofmann gegen Thiago selbst. Perfekt! Danach fingen die Bayern-Stars an zu denken und als sie nach 88 Minuten ihre Denksportaufgabe immer noch nicht gelöst hatten, nagelte Herrmann die Kugel zum 3:0 in den Giebel. Perfekt!

Ein Fall für das Taktik-Lehrbuch: Nur 25 Minuten in Ballbesitz sein und trotzdem 3:0 gewinnen. Aus meiner Sicht ist das echter Fohlen-Style: stabile Defensive, Balleroberung, Umschaltspiel, Konter, kaltschnäuziger Abschluss. Mit exakt dieser Mentalität waren wir in den glorreichen 70er Jahren erfolgreich. Pfeif auf Ballbesitz, der bringt einer durchschnittlich begabten Mannschaft überhaupt nichts!

Drei Punkte hatte ich aus den Spielen gegen Frankfurt (3:1), in Wolfsburg (2:2) und in München auf der Rechnung. Sieben sind es geworden. Super! 14 Punkte aus sieben Spielen sind angesichts unseres anspruchsvollen Startprogramms, mit bereits vier Partien gegen aktuelle Europapokal-Teilnehmer, eine prächtige Zwischenbilanz.

Irgendwie bin ich aber auch froh, dass jetzt Länderspielpause ist. So können wir uns vielleicht unseren größten Feind vom Leib halten. Die typisch grenzenlose Euphorie niederrheinischen Ausmaßes.