Wie ein Schweizer Offiziersmesser

von Thorsten Cöhring am 26. November 2018

“Titelkandidat”. “Dortmund-Verfolger Nr. 1”. Schlagzeilen mit derart sensationslüsternen Begriffen gehen mir mittlerweile ziemlich auf den Wecker. Ja, Borussia Mönchengladbach spielt eine außergewöhnlich gute Saison. Ja, Borussia Mönchengladbach ist nach zwölf Spieltagen Tabellenzweiter. Dennoch tun wir alle gut daran, realistische Ziele zu definieren.

Mit inzwischen 26 Punkten haben wir mein persönliches Primärziel, den Klassenerhalt, praktisch geschafft. Was also ist das nächste Ziel? In Frage kommt Platz 6, das Erreichen der Europa League. Dafür könnten 52 Punkte reichen. Sicher nicht unrealistisch. Ob es, hinter dem designierten Meister Dortmund, angesichts der starken Konkurrenz aus München, Frankfurt, Leipzig und Hoffenheim für die Champions League reicht, mag ich noch nicht so recht glauben. Vermutlich brauchst du für Platz 4 in dieser Saison mindestens 60 Punkte. Vielleicht sind wir diesbezüglich an Weihnachten schon schlauer.

Wo sind unsere Jungs eigentlich gedanklich so in der ersten Minute eines Spiels? In Freiburg gab’s nach zehn Sekunden einen Elfmeter gegen uns. Und gegen Hannover stand es nach 22 Sekunden 0:1 durch Wood. Das ist irgendwie – sehr unschön. Immerhin zeigte Borussia rasch eine Reaktion und der einmal mehr bärenstarke Hazard schlenzte die Kugel nach sieben Minuten zum Ausgleich in den Winkel. Eine Minute vor der Halbzeit spielte Jantschke einen Steilpass, den ich mal als ungewollt genial bezeichnen würde. Alle Hannoveraner staunten und Lang schob seelenruhig zum 2:1 ein. In der zweiten Halbzeit bereitete Hazard wunderbar Stindls Direktabnahme zum 3:1 vor (58.) und Zakaria nutzte Strobls Traumpass zum 4:1 (77.).

Apropos Traumpass: Was ich besonders liebe, sind diese knallharten Anspiele in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehr. Scharf und präzise wie ein Schweizer Offiziersmesser. Das macht Borussia in dieser Saison wirklich gut. Und mit Strobl, Hofmann und Neuhaus haben wir genau die richtigen Spieler dafür. Damit legen wir, verbunden mit einem schnörkellosen Abschluss, die Basis für unsere Siege. Um so zu spielen, brauchst du Mut und Selbstvertrauen. Beides ist momentan vorhanden. Hoffen wir, dass es möglichst lange so bleibt. Unser größter Feind ist der lauschige Platz am warmen Kamin. Sätze wie “Wir sind im Moment sehr zufrieden” lassen bei mir die Alarmglocken schrillen.

Es hätte ein perfekter Abend und ein perfekter Monat November werden können. Wenn nicht diese grauenhafte 36. Minute gewesen wäre. Der stolpernde Sarenren Bazee krachte im Höchsttempo mit der Stirn an die linke Gesichtshälfte von Matthias Ginter. Sah von der Tribüne ziemlich übel aus. Unser Abwehrchef wurde vom Platz getragen und am Tag danach bewahrheiteten sich die schlimmsten Befürchtungen: Bruch der Augenhöhle und des Kiefers, Operation notwendig. Die Hinrunde ist für ihn gelaufen.

Obwohl sein Vertreter Jantschke gestern sehr gut spielte, wird uns Ginter bitter fehlen. Vor allem in den drei schweren Auswärtsspielen dieses Jahres in Leipzig, Hoffenheim und Dortmund. Aber vielleicht finden wir in dieser bemerkenswerten Saison ja auch dafür eine Lösung.