Drittelbilanz

Letzte Länderspielpause des Jahres 2019. Ein Drittel der Saison liegt hinter uns. Zeit für eine erste vorläufige Bestandsaufnahme.

Als Borussia Marco Rose als neuen Trainer verpflichtet hatte, war ich happy. Glücklich darüber, dass sich Grundlegendes ändern würde. Denn man kann ja von den Betriebssportgruppen des Brauseherstellers halten was man will – aber sie spielen einen attraktiven Fußball. Seit Jahren schon forderte ich in diesem Blog den Abschied vom brotlosen Ballbesitzfußball a la Borussia. Mit Rose, so die Hoffnung, würde der allmähliche Umbau des Spielsystems, hin zum Balleroberungs- und Konterfußball, mittelfristig gelingen. Zurück also zu dem Style, der uns in den 70er Jahren zu einer der besten Mannschaften der Welt gemacht hat.

Aber solch ein radikaler Paradigmenwechsel birgt ein hohes Risiko in sich. Ein sehr hohes. Wenn die Spieler diese neue Idee nicht auf den Rasen bringen können, stürzt du gnadenlos ab. Und das wiederum hat zur Folge, dass der Umbau sofort gestoppt wird, um durch Wiedereinführung des gewohnten alten Systems Stabilität zurückzugewinnen.

Das war die Ausgangslage im Sommer. Vorfreude und Bauchgrummeln wechselten sich bei mir beständig ab. Meine Hoffnung war: Bis Weihnachten mindestens 20 Punkte, idealerweise 25.

Jetzt haben wir den 11. Spieltag hinter uns – und haben exakt jene 25 Punkte auf dem Konto. Insofern kann ich nur anerkennend sagen: Mission bis hierhin grandios erfüllt! Doch wir sind nicht nur erfolgreich, sondern es macht auch wieder Riesenspaß, der Fohlenelf zuzusehen. Nicht weil alles perfekt ist. Nein, weil die Mannschaft willig, hungrig, und ehrgeizig daher kommt. Und weil sie endlich so etwas wie “Killerinstinkt” entwickelt. Das habe ich mir jahrelang (vergeblich) gewünscht!

Dass wir seit fünf Wochen Tabellenführer der Bundesliga sind, und es auch mindestens bis Anfang Dezember bleiben werden, ist zwar ein nettes Schmankerl, interessiert mich aber nur am Rande. Wir haben weder die Kadertiefe noch die Kaderqualität, um neun Monate lang auf diesem hohen Niveau mitzuspielen. Erschwerend hinzu kommt noch, dass sich bei uns pro Match durchschnittlich zwei Spieler verletzen.

Im Pokal sind wir draußen, weil wir Pech mit der Auslosung hatten. In der Europa League haben wir fünf Punkte geholt, davon vier in der Nachspielzeit. Ob es am Ende der Gruppenphase für die K.O.-Runde reichen wird, bleibt abzuwarten. Was mir in diesem Zusammenhang allerdings wichtig ist: Nach dem unsäglichen 0:4 gegen Wolfsberg schrieb ich vor zwei Monaten: “Mein Vertrauen in DIESE Mannschaft ist zerstört. Ob es jemals wieder hergestellt werden kann, ist ungewiss.”

Ja, mein Vertrauen ist wieder hergestellt. Dank des unbändigen Willens meiner Mannschaft, der in allen darauf folgenden Spielen der vergangenen sieben Wochen spürbar war. Nicht zuletzt beim 2:1 über AS Rom am vergangenen Donnerstag. Jahrelang konnten wir uns darauf verlassen, dass Borussia kein Spiel in der Schlussphase umbiegt. Inzwischen sind wir in dieser Disziplin schon fast Spezialisten, zumindest auf internationaler Bühne.

Und wir haben zur Zeit das nötige Spielglück, wie die vergangenen drei Bundesligapartien (Frankfurt, Leverkusen, Bremen) gezeigt haben. Auch gestern gegen Werder schlug es sich wieder einmal auf unsere Seite. Und dabei rede ich nicht nur von den beiden Szenen, als beim Stand von 2:0 zunächst per Videobeweis der Bremer Anschlusstreffer annulliert wurde und eingangs der zweiten Halbzeit Sommer einen Foulelfmeter von Klaassen hielt. Bremen hatte eine Fülle erstklassiger Chancen, aber Sommer spielt seit Wochen in Hochform. Das kommt als wichtiger Erfolgsbaustein hinzu. So gewannen wir 3:1 durch Bensebaini (20.) und zweimal Herrmann (22. und 59.), bei einem Gegentor von Bittencourt (90.+3).

Aber warum sollen immer nur München und Dortmund Spielglück haben? Viele Jahre rege ich mich schon darüber auf. Jetzt sind wir halt mal an der Reihe. So what? Und Glück, auch das ist unbestritten, muss man sich erarbeiten, es fällt einem nicht in den Schoß.

Rose ist zwar der Architekt des Höhenflugs im Herbst 2019, aber entscheidend beteiligt sind natürlich die Spieler. Die Zugänge Lainer, Embolo, Thuram und mit Abstrichen auch Bensebaini waren allesamt Volltreffer und echte Verstärkungen. Mit Zakaria als Abräumer und Antreiber sowie Benes als ballsicheren Ballverteiler haben wir wieder ein sehr gut harmonierendes zentrales Defensivduo auf der Sechs und/oder Acht.

Abschließend noch ein kurzer Exkurs am Rande. Die Außenverteidigerpositionen zählen zu den wichtigsten im modernen Fußball. Über Jahre fanden die Außenverteidiger bei uns offensiv überhaupt nicht statt. Inzwischen haben sie in der Bundesliga bereits vier (!) Tore erzielt (Wendt 2, Lainer 1, Bensebaini 1) und etliche vorbereitet. Auch das ist ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor. Denn der Weg zum Tor über die Flügel ist zwar oft nicht der kürzeste, aber meist der schnellste.

Wie lange Wolke 7 noch über dem Borussia-Park kreist? Keine Ahnung. Aber wir haben schon jetzt mehr erreicht, als ich jemals zu hoffen gewagt hätte. Ich freue mich auf die nächsten zwei Drittel der Saison.

🙂

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