Über Träume, Ziele und Wege

Unsere Reise auf Wolke 7 neigt sich dem Ende entgegen. Das gestrige Spiel bei Union Berlin war ein deutliches Indiz dafür, dass die Fohlenelf mit den immens gesteigerten Erwartungen des Umfelds inzwischen überfordert ist. Und Überforderung führt zu Stress und leider bisweilen auch zu Lähmungserscheinungen.

Es war verblüffend zu beobachten, wie uns die Taktik von Union vor unlösbare Rätsel stellte. Und zwar nur dadurch, dass der Aufsteiger die Taktik anwandte, mit der Borussia Mönchengladbach in den vergangenen Wochen erfolgreich war. Borussia tappte in die Falle und verfiel wieder in jenen brotlosen Ballbesitzfußball, mit dem sie rettungslos verloren ist. Das war gleichermaßen furchtbar wie faszinierend anzusehen. Die Mannschaft agierte ohne jede offensive Durchschlagskraft, von Siegeswillen oder gar höheren sportlichen Ambitionen war nichts zu spüren. So kam der Aufsteiger zu einem problemlosen 2:0-Heimsieg durch Ujah (15.) und Andersson (90.).

So viel zur Aktualität.

Was mich allerdings dieser Tage viel mehr umtreibt, ist das Thema Borussia Mönchengladbach und die Deutsche Meisterschaft.

Viele Borussia-Fans träumen von der Deutschen Meisterschaft. Vermutlich besonders diejenigen, die diesen Titelgewinn noch nie erlebt haben. Ich gehöre zu denen, die es erlebt haben – und auch ich träume. Ich werde auch immer träumen, zumindest der 8-Jährige in mir.

Ich träume von der Deutschen Meisterschaft, seit ich am Abend des 21. Mai 1977 mit dem Bollerwagen durch mein Heimatdorf stiefelte und den bedürftigen Menschen Bier schenkte, weil sie so durstig waren. Einige Stunden zuvor hatte uns Jupp Heynckes mit zwei Toren in München zur fünften Deutschen Meisterschaft innerhalb von acht Jahren geschossen. Ich war 18 und kannte es nicht anders. Jahre ohne Titel waren in den 70er Jahren für mich irritierend. Seit diesem Frühlingssamstag 1977 sind bis heute 15.528 Tage vergangen. Und ich träume unverdrossen vom sechsten Meistertitel. Bis an mein Lebensende.

Träumen ist ja nicht verwerflich. Unangenehm oder sogar gefährlich wird es dann, wenn Träume plötzlich für realistisch gehalten werden. Wenn sich Realität und Fiktion in die Quere kommen und vermischen. Genau das beobachte ich in diesen Tagen rund um Borussia.

Deshalb wird es allerhöchste Zeit, die Traumwelt zu verlassen und sich der Realität zuzuwenden. Das Selbstverständnis von Borussia Mönchengladbach entspricht nicht dem eines Clubs, der Titel gewinnen will. Warum das so ist, ob objektive Kriterien dagegen sprechen oder subjektive, will ich an dieser Stelle gar nicht erörtern.

Ja, Talente wie Neuhaus und Benes haben ihre Verträge in dieser Woche bei Borussia verlängert. Das ist einerseits sehr schön, aber andererseits wissen wir alle: Verträge sind im heutigen Profifußball Schall und Rauch. Den Milliardären und Investoren dieser Welt tropft schon der Sabber aus dem Mundwinkeln. Sie können es kaum noch erwarten, im nächsten Sommer über unseren Kader herzufallen und ihn zu plündern. Max Eberl nennt das dann “unmoralische Angebote”. Wobei ich mich bei diesem Ausdruck immer frage: Kann man als moralischer Mensch eigentlich unmoralische Angebote ablehnen?

Das alles bedeutet: Sobald unser Kader eine gewissen Reifegrad erreicht hat, wird er auseinander gerissen. Die besten Spieler verlassen uns. Damit müssen wir leben und deshalb wird Borussia Mönchengladbach immer ein Ausbildungsverein bleiben. Wir werden nie ein Ziel erreichen, das Titelgewinn heißt. Wir werden dieses Ziel hin und wieder mal aus der Ferne sehen können, aber wir werden es nicht erreichen. Ab einem Punkt X beginnen wir wieder von vorn.

Bei Borussia Mönchengladbach ist der Weg das Ziel. Dieser Weg wird uns wunderbare, schöne, glückliche Momente bescheren, wie in den vergangenen Wochen, doch dieser Weg wird auch durch bittere Täler der Tränen führen. Das Titelziel bleibt jedoch unerreichbar. Das ist die Realität von Borussia Mönchengladbach – fernab aller Träume.

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