Die Wahrheit des Fußballs in einem Satz

Was soll ich über dieses Spiel schreiben? Wir wurden gestern von Bayern München eine Stunde lang nach allen Regeln der Fußballkunst vorgeführt und gnadenlos an die Wand gespielt. Mindestens 0:6 hätte es zu diesem Zeitpunkt stehen müssen. Und wir gewannen 2:1.

Nach 30 Minuten sagte ich: “Ist hier irgendwo eine Kirche? Ich möchte Kerzen anzünden.” Nach 60 Minuten sagte ich: “Ein gespenstisches Spiel.” Nach 95 Minuten sagte ich: “Ein groteskes Spiel.”

Im Prinzip hatten wir dieses Spiel schon einmal, vor einem Dreivierteljahr, am Ostersamstag. Da spielte uns Bayern ebenso schwindelig. Damals konnten wir allerdings keine Comeback-Qualitäten nachweisen, weil wir nach zehn Minuten schon 0:2 zurücklagen. Damals (1:5) verwertete München seine Großchancen. Diesmal nicht. Das ist der Unterschied. Du kannst Bayern nicht allein besiegen. Bayern muss mithelfen.

Dennoch bleibt die Frage: Wie kann man ein Spiel gewinnen, das man schon verloren hat? Es ist der reine Wille. Mentalität. Mut. Und Leidenschaft. Das ist die neue Borussia – und darauf bin ich stolz. Ich hoffe, dass das noch eine Weile so bleibt. Wir drehten das 0:1 durch Perisic (49.) durch zwei Treffer von Bensebaini. Einem traumhaften Kopfball zum 1:1 (60.) und einem Foulelfmeter (Martinez an Thuram) in der zweiten Minute der Nachspielzeit. Irre. Komplett irre. Vermutlich wegen dieser Surrealität ist der Borussia-Park so komplett ausgeflippt.

Bekanntlich bin ich seit 35 Jahren mit einem Bayern-Fan verheiratet. Als ich gestern aus dem Borussia-Park nach Hause kam und mit meiner Frau (sie hatte sich das Match bei Sky angeschaut) über “unser Duell” diskutierte, fragte ich: “Spielt so ein Tabellenführer der Bundesliga, wie Borussia Mönchengladbach in den ersten 60 Minuten?” Sie konterte mit einem einzigen Satz, in dem die gesamte Wahrheit des Fußballs verborgen liegt: “So läuft das eben, wenn du Tabellenführer bist.”