Murmeltiertag der Verwesung

Sportlich läuft es weiterhin gut für Borussia Mönchengladbach. Zwar deutet vieles darauf hin, dass wir die Champions League wieder verpassen werden, aber Europa League sei ja auch ganz nett, sagen einige. Zu gegebener Zeit werde ich entscheiden, ob ich mich darüber freue. In diesen Wochen treibt mich ein allerdings ein ganz anderes Thema um. In zunehmender Intensität.

Bundesliga vor 2017

Du gingst ins Stadion. Voller Vorfreude auf ein spannendes und aufregendes Fußballspiel. Nun, es war weiß Gott nicht immer spannend und aufregend, aber du wurdest meist gut unterhalten. Du ärgerterst dich über Fehler von Spielern, Schiedsrichtern oder Trainern, die zu Gegentoren führten; und du freutest dich über Fehler von Spielern, Schiedsrichtern oder Trainern, die zu Toren für deine Mannschaft führten. Du sprangst auf, wenn Borussia traf, recktest die Fäuste in den Himmel und klatschtest dich mit deinem Nachbarn ab. Pure Emotion. Manchmal positive, manchmal natürlich auch negative. Heute wurdest du benachteiligt, morgen bevorteilt. So what? Das ist Fußball! Ein Sport, in dem es keine Objektivität gibt. Aber eines wusstest du: Wenn der Schiri zur Mitte zeigt, gilt das Tor.

Fußball, der Spaß macht! 🙂

Bundesliga seit 2017

Du gehst ins Stadion. Du spürst – gar nichts. Belanglosigkeit allenthalben. Beinahe schon Lethargie. Deine Mannschaft schießt ein Tor und du bleibst sitzen. Wartest zwei Minuten. Videobeweis. Wenn das Tor anerkannt wird, drehst du deinen Kopf um ein paar Grad und sagst zu deinem Nachbarn: “Tor!” Null Emotion. Klinische Reinheit. Sterilität. Und als sei das alles nicht schon schlimm genug, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als werde der Videobeweis gezielt eingesetzt, um einigen wenigen Clubs Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Was ist das noch? Die hässliche Karikatur der großartigsten Sportart der Welt. Mehr nicht. Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte.

Fußball, der keinen Spaß macht! 🙁

Von Woche zu Woche intensiver sieht sich die Koalition aus Herz und rechter Gehirnhälfte in meinem Körper dem Dauerfeuer meiner linken Gehirnhälfte ausgesetzt:

“Warum gebt ihr Deppen so unfassbar viel Zeit und Geld für etwas aus, das euch keinen Spaß macht?”

Sie haben darauf keine Antwort. Weder mein Herz, das viel lieber eine Raute wäre, Berz hieße und schwarz-weiß-grünes Blut pumpen würde, noch meine rechte Gehirnhälfte, die sich schmollend zurückgezogen hat, weil sie sich unverstanden fühlt, und deshalb nur noch mit ihrem Freund, dem Hypothalamus, redet.

Was ich damit sagen will, ist wahrscheinlich klar geworden: Meine Tage als Stammgast bei Bundesligaspielen sind gezählt. Mir fällt beim besten Willen keine halbwegs plausible Rechtfertigung mehr ein, warum ich meine kostbare verbleibende Lebenszeit mit etwas verschwenden sollte, was mir zuwider ist.

Wobei “zuwider” noch maßlos untertrieben ist. Der Profifußball ist eine Leiche. Gemeuchelt von den Protagonisten des Videobeweises. Und es ekelt mich an, jedes zweites Wochenende den Verwesungsgeruch einzuatmen. Den Murmeltiertag der Verwesung, ich brauche ihn nicht und ich will ihn nicht.

Ich habe mittlerweile begriffen, dass ich diese Spannung, diesen aufregenden Nervenkitzel, diese emotionalen Schübe im Stadion, wie sie vor 2017 normal waren, nie mehr erleben werde. Das ist bitter für jemanden, der den Fußball liebt.

Aber zum Glück wird ja auch unterhalb der Profiligen gekickt. Ich schaue mich da in den nächsten Monaten mal um.