Mein Leben mit Borussia

Meine Original-Ausrüstung aus den 70er Jahren.

Kapitel 1: Wie alles begann (1967)

Es war einiges los im Sommer 1967. In Berlin wurde während des Schah-Besuchs bei Ausschreitungen der Student Benno Ohnesorg erschossen. Im Nahen Osten tobte der Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen Nachbarn. Che Guevara wurde erschossen und Elvis Presley heiratete in Las Vegas Priscilla Beaulieu.

Aber all das interessierte mich wenig. Ich war acht Jahre alt und fühlte mich wie Huckleberry Finn. Der lebte in einer Tonne am Mississippi und ich in einem eigenen Mikrokosmos namens Fußball.

Zu dieser Zeit hatte ich es vor allem mit Spielern. Ich fand Petar „Radi“ Radenkovic toll und sympathisierte deshalb mit 1860 München. Der beste Spieler der Welt war für mich Lothar Emmerich. Deshalb verspürte ich eine gewisse Zuneigung zu Borussia Dortmund. So war das bis zum Sommer 1967.

Dann sah ich ihn erstmals im Fernsehen, in seinem schneeweißen Dress: Peter Meyer von Borussia Mönchengladbach. Ein Torjäger vor dem Herrn, gekommen von Fortuna Düsseldorf. In der nächsten Woche sah ich wieder und wusste: so wollte ich auch sein. Nach 15 Bundesliga-Spieltagen hatte er 19 Treffer auf dem Konto. Dann fielen mir die anderen jungen Wilden in seiner Mannschaft auf, ebenfalls alle in purem Weiß gekleidet.

Von diesem Zeitpunkt an wollte ich nur noch in Weiß herumlaufen. Als Trikot tat’s notfalls auch ein Unterhemd mit kurzen Ärmeln. Aber ich wollte vor allem eine weiße Sporthose. Nach langem Betteln bekam ich sie auch, eine „echte“ von Adidas. Sie war mir so heilig, dass ich sie nur zu besonderen Anlässen, als Ausgeh-Uniform, benutzte. Um sie nicht beschmutzen.

Irgendwann in diesen Tagen erzählte mir mein Vater, dass Peter Meyer wohl nie wieder Fußball spielen würde, weil er sich im Winter 67/68 eine komplizierten Schien- und Wadenbeinbruch zugezogen hatte. Ich konnte das nicht verstehen. Ich wartete auf Peter Meyer. Doch ich sah ihn nicht mehr.

Was ich aber jede Woche sah, war die Mannschaft in Weiß. Meine Liebe zu Borussia Mönchengladbach war entflammt. Unauslöschlich.

Kapitel 2: Aufstieg, Erfolge & Tragödien (1970-1980)

Was kam, waren bemerkenswerte Jahre. Große Jahre. Jahre, die ich nie vergesse. Ich sah Borussia weiterhin nur im Fernsehen. In Ostwestfalen kannte man zu dieser Zeit Arminia Bielefeld, Hannover 96, Borussia Dortmund oder Schalke 04. Mönchengladbach war weit weg, schon fast ein anderer Kontinent.

Aber ich wusste alles über den VfL 1900. Ich verschlang den kicker, hörte jede Radio-Übertragung und sah jede Sportsendung im TV. Rainer Bonhof hing in meinem Zimmer als lebensgroßer Starschnitt an der Wand und ich schnitt jedes Bild von Jupp Heynckes aus, das ich in die Hände bekam. Meine neuen Lieblingsspieler waren erst Ulrik Le Fevre und später Allan Simonsen.

Die 70er Jahre waren auch die Zeit, in der ich begann weltliche Ereignisse nur noch mit Borussia-Daten zu verknüpfen. Als mich später einmal meine Mutter fragte, wann ich denn meine schwere Mandelentzündung gehabt hätte, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Beim Halbfinale gegen Dynamo Kiew!“

Fünf Mal wurden wir zwischen 1970 und 1977 Deutscher Meister. Am 21. Mai 1977 feierte ich mit meinen Freunden im Partykeller meiner Eltern das 2:2 in München am letzten Spieltag. Anschließend zogen wir mit Borussia-Fahnen durch mein Heimatdorf und ich trank Bier aus der Flasche, denn ich war gerade volljährig geworden. Ich ahnte nicht, dass dies meine letzte Meisterfeier sein würde.

Der Gegenentwurf zu den nationalen Titeln waren die europäischen Tragödien. Okay, wir gewannen 1975 und 1979 den UEFA-Pokal, aber ansonsten endete jede Europacup-Spielzeit in Wut, Trauer und Fassungslosigkeit. Oft alles gleichzeitig, aber meist abwechselnd.

  • 1970/71: Wir scheitern im Elfmeterschießen am FC Everton (Landesmeister)
  • 1971/72: Wir scheiden gegen Inter Mailand aus, weil der 7:1-Hinspielsieg wegen eines Büchsenwurfs annulliert wird (Landesmeister)
  • 1972/73: Wir verlieren das UEFA-Cup-Finale, weil der Schiedsrichter das Hinspiel beim FC Liverpool wegen Regens nach einer halben Stunde beim Stand von 0:0 abbricht; im Wiederholungsspiel liegen wir nach einer halben Stunde 0:2 zurück…
  • 1973/74: Wir verlieren im Halbfinale gegen AC Mailand, weil uns in einem der größten Sturmläufe der Vereinsgeschichte einfach nicht das 2:0 gelingt (Pokalsieger)
  • 1975/76: Wir scheiden gegen Real Madrid aus, weil Schiedsrichter Leonardus van der Kroft im Rückspiel in Madrid zwei reguläre Treffer von Jensen und Wittkamp nicht anerkennt
  • 1976/77: Wir verlieren das Landesmeister-Finale in Rom – diesmal aus einem ganz banalen Grund: weil der FC Liverpool besser ist
  • 1979/80: Wir verlieren das UEFA-Cup-Finale gegen Eintracht Frankfurt, weil ein bis dahin völlig unbekannter Fußballer namens Fred Schaub in der 81. Minute des Rückspiels zum 1:0 trifft

Doch all das darf nicht darüber hinwegtäuschen: Es war eine großartige Zeit! Ich war längst Stammgast auf dem Bökelberg bzw. im Rheinstadion und habe unvergessliche Stunden erlebt. Vor allem mit den Fans vom FC Liverpool. Nie zuvor habe ich liebenswürdigere Menschen erlebt, die nur eines wollten: Fußball genießen und ihre Club unterstützen. Deren Auftreten geprägt war von Respekt vor dem Gegner und dessen Anhängern (weshalb ich auch nie verstehen konnte, wie es 1985 zu der Tragödie von Brüssel kommen konnte). Grandios die abwechselnden Gesänge aus den Fankurven beim Landesmeister-Halbfinale 1978 im Rheinstadion. Eine vergleichbare Stimmung habe ich danach nie wieder erlebt.

Kurz gesagt: seit dieser Zeit bin ich auch Anhänger des FC Liverpool.

Kapitel 3: Mittelmaß (1980-1995)

Studium, Heirat, meine ersten Berufsjahre – in den 80er Jahren spielte Borussia erstmals nicht mehr die Hauptrolle in meinem Leben. Deshalb habe ich unseren Abfall ins Mittelmaß gar nicht so recht wahrgenommen.

Das waren noch Zeiten: 40 DM für eine Tribünenkarte gegen Real Madrid.

Es gab immer noch ein paar Highlights, die ich mir nicht entgehen ließ, wie beispielsweise das berauschende 5:1 über Real Madrid im UEFA-Cup-Achtelfinale 1985 in Düsseldorf. (Dass wir im Rückspiel ohne Gegenwehr mit 0:4 ausschieden, passt irgendwie in diese Zeit.) Aber die „Tops“ waren plötzlich selten und es mehrten sich die „Flops“.

Erst Mitte der 90er Jahre zeichnete sich ein Silberstreif am Horizont ab. Nach dem Fast-Abstieg 1990, der nur durch den berühmten „Nicht-Angriffspakt“ mit Bayer Uerdingen (0:0) am letzten Spieltag vermieden wurde, erreichten wir zwei Mal das DFB-Pokal-Finale. Einer Niederlage gegen Hannover 96 (1992) folgte 1995 der Pokalsieg über den VfL Wolfsburg; der erste Titelgewinn nach 16 Jahren.

Doch die Hoffnung auf neue glorreiche Zeiten zerstob wie eine Seifenblase im Sturm. Heiko Herrlich, gerade Bundesliga-Torschützenkönig geworden, war dem diskreten Charme des Dortmunder Großkapitals erlegen und verließ uns – wie schon Frank Mill neun Jahre zuvor und wie auch Marco Reus 17 Jahre später.

Das war der Anfang vom Ende der legendären Borussia meiner Kindheit und Jugend.

Kapitel 4: Niedergang (1995-2011)

Die Saison 1995/96 war mit Platz vier unsere letzte gute Bundesliga-Spielzeit. 1998 waren wir praktisch schon abgestiegen, doch in den letzten beiden Spielen schafften wir noch die Wende. Anschließend verließ mit Stefan Effenberg die letzte Galionsfigur das sinkende Schiff. Der Verein war so gut wie pleite und brauchte das Ablösegeld dringend.

1999 stiegen wir ab. Und ich wurde Vereinsmitglied. Aus Solidarität mit meiner Borussia. Ich hatte das Gefühl, sie brauchte mich und meinesgleichen.

Eröffnungsspiel im Borussia-Park am 14. August 2004 gegen Dortmund (2:3).

Das Comeback 2001 verband ich mit großen Hoffnungen. 2004 war der Borussia-Park fertig. Ich kaufte im neuen Stadion einen Fanstein, in der großen Borussia-Raute an der Nordost-Ecke. Auch das ein Zeichen der Solidarität, ideell und finanziell.Um so härter traf mich der erneute Abstieg 2007. Wir waren mit Trainer Jupp Heynckes in die Saison gegangen, doch mein Spieler-Idol früherer Jahre machte als Coach alles falsch, was es falsch zu machen gab.Auf die nähere Vergangenheit brauche ich nicht weiter einzugehen. Das „Wunder von 2011“ ist allen Fohlen-Fans noch in bester Erinnerung.

Highlight für mich ganz persönlich war der 1. August 2010. Unser Jubiläums-Freundschaftsspiel gegen den FC Liverpool. Als Gerry Marsden von „Gerry & The Pacemakers“ gemeinsam mit 54.000 Zuschauern im ausverkauften Borussia-Park live die Hymne des Fußballs „You’ll Never Walk Alone“ intonierte, lief mir nicht nur ein Schauer über den Rücken. Ich kann mich nur an wenige ähnlich emotionale Momente in meinem Leben erinnern.

Kapitel 5: Gegenwart & Zukunft (2012 – ?)

Der sensationell erfolgreichen Hinrunde 2011/12 folgte in der Winterpause die ernüchternde Erkenntnis, dass dies vermutlich nur eine kleine Episode bleiben wird. Die Mannschaft fällt im Sommer 2012 auseinander. Reus geht, Neustädter geht, vermutlich auch Dante.

Was bleibt, ist die Hoffnung. „Es ist im Profifußball so, dass die Großen die Kleinen fressen“, hat Borussia-Manager Max Eberl gesagt, nachdem Reus mit großem Geld von Dortmund abgeworben worden war. Wenn das die Spielregel ist, dann gibt es nur eine logische Konsequenz: Wir müssen endlich ein „Großer“ werden.

Fraglich ist, ob ich das noch erlebe. Aber ich wünsche vor allem den nach 1980 geborenen Fohlen-Fans, dass sie irgendwann mit dem VfL 1900 Borussia Mönchengladbach eine Zeit erleben werden, wie ich sie erleben durfte

In diesem Sinne
YNWA

(Bonn, 13. April 2012)