Belohnter Mut

von Thorsten Cöhring am 11. November 2018

Fußball ist bekanntlich eine höchst subjektive Angelegenheit. Als Fußballfan kannst du dir die Fußballwelt schönreden oder schlechtreden, je nach Tagesform. Nach einem Abstieg deiner Mannschaft kannst du problemlos behaupten: “Eigentlich hätten wir mit dieser Mannschaft Meister werden müssen.” Oder wie ein guter Borussen-Freund immer zu sagen pflegt: “Ich habe damals auch dann noch an den Klassenerhalt geglaubt, als er rechnerisch schon nicht mehr möglich war.” Ja, so ist das. Objektive Kriterien gibt es in der Fußballwelt nur sehr wenige.

Eines dieser unbestechlichen objektiven Kriterien ist die Tabelle. Eine wunderbare Erfindung. Natürlich nicht für diejenigen, in deren Sprachschatz das Wort “objektiv” überhaupt nicht vorkommt. Wie zum Beispiel bei Uli Hoeneß. Aber für alle anderen. Die Platzierung an einem Tag X ist der Durchschnitt deiner bis dahin erbrachten Leistungen in einer Saison.

So begibt es sich, dass Borussia Mönchengladbach am 11. November 2018 im Durchschnitt der bisherigen Saison die zweitbeste Mannschaft Deutschlands ist. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Auch wenn ich es selbst nicht zu glauben vermag. Wenn mir im Sommer jemand gesagt hätte, dass wir nach 11 Spieltagen 23 Punkte auf dem Konto haben, hätte ich ihm die nächstgelegene psychiatrische Klinik ans Herz gelegt.

Für den unerwarteten Höhenflug, der hoffentlich nicht nur temporär ist, gibt es einige Gründe, in erster Linie fallen mir diese ein:

  1. Die Systemumstellung; einhergehend mit dem Verzicht auf unproduktiven Ballbesitz.
  2. Die Verpflichtung eines erstklassigen Strafraumstürmers; einhergehend mit mehr schnörkellosem Zug zum Tor.
  3. Mut; nicht immer, aber immer öfter.
  4. Die beeindruckende Leistungssteigerung einiger Spieler; zum Beispiel Strobl, Hofmann und Hazard.
  5. Die Qualität der Neuen; Pléa, Neuhaus und Lang.
  6. Spielglück; hatten wir selten in den vergangenen Jahren.
  7. Keine Verletztenliste im zweistelligen Bereich; kennen wir nicht aus den vergangenen beiden Jahren.
  8. Selbstvertrauen; du musst lange hart arbeiten, ehe du es hast, aber es kann blitzschnell wieder verschwinden.

Gestern, während ich mir das Spiel bei Werder Bremen ansah, kam mir plötzlich Punkt 3 zu Bewusstsein. Zu diesem Zeitpunkt stand unser 1:3-Sieg durch drei wunderbare Treffer von Alassane Pléa (39., 48., 52.), bei einem Gegentor durch Sahin (59.), schon fest, wenngleich wir große Mühe hatten, dem Bremer Scheibenschießen in der letzten halben Stunde standzuhalten.

Ja, den Mutigen gehört die Zukunft. Auch wenn die drei kleinen Brüder des Mutes, das Risiko, der Hochmut und der Kleinmut, mitunter ziemlich aufmüpfig werden. Wie neulich beim 0:5 gegen Leverkusen im Pokal (Risiko und Hochmut) und beim 1:3 in Freiburg (Risiko und Kleinmut).

Es wird zweifelsohne Rückschläge geben in dieser Saison. Bittere Rückschläge. Aber das ist nicht wichtig im Vergleich zu den vielen Stunden der Freude, die wir bislang in dieser Saison hatten. Unser Vorteil ist, dass wir komplett unter dem Radar fliegen. Heute las ich auf kicker.de die Schlagzeile: “3:2 im Topspiel! BVB jetzt sieben Punkte vor Bayern“. Die Öffentlichkeit redet nur über Dortmund und Bayern. Und das ist gut so.